Schutz vor Angreifern? Darum bieten viele Waffen keine absolute Sicherheit

Krefeld · Wer im Winter am frühen, bereits dunklen Abend unterwegs ist, hat eventuell Angst vor Angreifern. Pfefferspray oder Gaspistole sollen Schutz bieten. Warum die Polizei aber dringend davon abrät und wie es besser geht.

Beim Umgang mit Pfefferspray gibt es viele Fallstricke, die man beachten muss.

Beim Umgang mit Pfefferspray gibt es viele Fallstricke, die man beachten muss.

Foto: Matzerath, Ralph (rm-)

Die Unsicherheit wächst mit zunehmender Dunkelheit – das dürfte vielen bekannt vorkommen. Wer im Winter am frühen Abend unterwegs ist, der nimmt die einbrechende Dämmerung mitunter als unangenehm wahr, insbesondere dann, wenn man alleine oder in dunklen Bereichen wie Parks und Waldstücken unterwegs ist. Um diese subjektive Angst abzuschwächen, könnte man sich nun ganz einfach Pfefferspray im Handel besorgen oder andere Waffen wie ein Messer mit sich führen. Doch dass das keine gute Idee ist, macht der Krefelder Kriminalhauptkommissar Jörg Grothus deutlich. „Grundsätzlich können wir nicht empfehlen, sich zu bewaffnen, weder mit legalen noch mit unerlaubten Waffen“, sagt Grothus deutlich. Er ist seit 23 Jahren in der Kriminal- und Gewaltprävention aktiv und weiß, dass der Umgang mit Waffen schnell nach hinten losgehen kann. Er erklärt, welche Nachteile und Fallstricke die verschiedenen legalen Waffen mit sich bringen, und sagt auch, was wirklich hilft, um sich sicher zu fühlen.

Pfefferspray

Der Besitz von Pfefferspray und anderen freiverkäuflichen Abwehrmitteln bringt gleich mehrere Probleme mit sich. Zum einen können sich Ungeübte in Stresssituationen mit Pfefferspray selbst verletzen, ebenso wie andere. „Wenn ich den Umgang nicht trainiert habe, dann finde ich das Pfefferspray vielleicht zunächst gar nicht in der Tasche, wenn ich es brauche“, gibt Grothus zu bedenken. Zudem könne man leicht Unbeteiligte verletzten, etwa wenn man es im Eifer des Gefechts falsch herum hält oder der Wind ungünstig steht. „Ebenfalls sollte man Pfefferspray nie in geschlossenen Räumen wie etwa einem Aufzug anwenden“, sagt der Experte. „Wir befinden uns hier immer im Bereich einer gefährlichen Körperverletzung. Wenn ich einen Angreifer trete oder schlage, ist es eine einfache Körperverletzung. Vielleicht wird mir das Spray aber auch vom Angreifer abgenommen und gegen mich selbst verwendet“, gibt er zu bedenken.

 Elektroschocker wie diese sind ab 18 Jahre frei erhältlich, doch es gibt Beschränkungen.

Elektroschocker wie diese sind ab 18 Jahre frei erhältlich, doch es gibt Beschränkungen.

Foto: dpa/Rainer Jensen

Rechtliche Vorgaben zum Umgang gibt es keine, wer 14 Jahre alt ist, darf das Gasspray kaufen. „Unserer Ansicht nach hat es nichts in Kinderhänden zu suchen. Wir müssen oft genug ausrücken, wenn es versehentlich an Schulen benutzt wurde.“

Elektroschocker

 Für eine Schreckschusspistole die diese braucht man den kleinen Waffenschein.

Für eine Schreckschusspistole die diese braucht man den kleinen Waffenschein.

Foto: Christoph Reichwein (crei)/Reichwein, Christoph (crei)

Tatsächlich können diese von jedem ab 18 Jahren erworben und mit sich getragen werden. „Wenn das Gerät ein Prüfzeichen hat, ist es zugelassen“, erklärt Grothus. Auf öffentlichen Veranstaltungen wie dem Weihnachtsmarkt oder der Kirmes jedoch sind Elektroschocker verboten. Ratsam sei es auf keinen Fall, zumal man seinem Angreifer schon sehr nahe kommen müsste, um den Elektroschocker zu benutzen. Da sei es ratsamer, wegzulaufen, bevor er einem abgenommen und gegen einen selbst verwendet wird. Ein weiterer Fallstrick: Da der Elektroschocker in der Regel eine Präventivmaßnahme ist und nicht zum Einsatz kommt, kann es sein, dass im Notfall die Batterie leer ist.

Auch Messer sollten nicht einfach mitgeführt werden. Sie sind jedoch bei Jugendlichen beliebt.

Auch Messer sollten nicht einfach mitgeführt werden. Sie sind jedoch bei Jugendlichen beliebt.

Foto: Zoll

Pistolen und Messer

Ab 18 Jahren darf man eine Gas- und Schreckschusspistole erwerben und zu Hause aufbewahren. Wer sie mit sich führen möchte, benötigt den kleinen Waffenschein. „Hier sollte man sich darüber im Klaren sein: Ziehe ich eine solche Waffe, fühlt sich der Angreifer bedroht und zieht vielleicht eine echte“, sagt Grothus. Mehr Waffen bedeuten demnach auch ein größeres Risiko, dass etwas passiert. Man stelle sich auch die Situation vor, in der die Polizei zu einem Einsatz gerufen würde und sähe die Pistole, die einer scharfen Waffe zum Verwechseln ähnlich sieht.

Gleiches gelte für Messer. „Das ist eine Waffe, die statistisch gesehen eher Jugendliche mit sich führen. Doch auch hier haben ein oder mehrere Angreifer einen im Zweifel schnell entwaffnet und richten diese gegen einen selbst.“ Zudem können anfänglich harmlose Situationen, in denen gerempelt und beleidigt wird, schnell eskalieren. Zudem sind die Gesetze für Messer relativ streng. So ist das öffentliche Führen von feststellbaren Einhandmessern (bei denen die Klinge arretiert werden kann), nicht gestattet.

Schrillalarm und Aufmerksamkeit

Doch wenn all diese Waffen auch zur Gefahr für einen selbst werden können, was bleibt da noch? „Was gut funktioniert, ist ein Schrillalarm. Wenn man angegriffen wird, löst man diesen aus und rennt weg. Tatsächlich sind Angriffe etwa auf Joggerinnen im Park eher selten. Auch sexuelle Übergriffe geschehen meist durch Bekannte.“ Trotzdem gebe es Angsträume, die jedoch oft subjektiv seien. „Und auch die Dunkelheit kann Angst machen, weil man einfach weniger sieht“, sagt Grothus.

Wichtig sei, selbstbewusst aufzutreten, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen, statt auf den Boden zu schauen. „Man darf sich nicht zu sehr, beispielsweise auf ein Pfefferspray verlassen. Hat man es vergessen, dann macht das direkt etwas mit der inneren Einstellung und man wird unsicher.“

Selbstverteidigungskurse

Diese hält Grothus für sehr sinnvoll. Sie seien für jeden geeignet, auch bereits für Kinder und Jugendliche, die lernen, wie sie selbstbewusst in Notsituationen handeln können.

Wenn ein Angriff tatsächlich stattfindet, sei es wichtig, auf sich aufmerksam zu machen und die richtige Haltung zu haben. „Wenn Frauen höflich ,nein‘ sagen und dabei lächeln, nimmt es der Gegenüber vielleicht nicht ernst, da die Körpersprache etwas anderes sagt. In Selbstverteidigungskursen lernt man, wie man richtig ,nein‘ sagt, so dass es auch abschreckt. Wichtig ist nicht nur die Technik, die man lernt, sondern auch die Körpersprache“, sagt Grothus und empfiehlt, das bei der Suche nach einem Anbieter zu berücksichtigen. Wichtig sei auch, dass man sich mental vorbereitet und im Kopf durchgeht, was man bei einem Angriff etwa im Park tun würde – damit man im Ernstfall auch richtig handeln kann.

Wichtig: Zwar gibt es in Deutschland keine Nothilfe, aber Notwehr zum Schutz. Das bedeutet, dass man sich selbst und andere schützen darf, auch etwa durch Schläge oder Tritte. „Das alles jedoch in Maßen. Wenn jemand bereits auf dem Boden liegt, darf man nicht noch einmal zutreten“, sagt Grothus.

Generell sei die Angst vor einem Angriff ein sehr subjektives Gefühl, sagt Grothus. „In Krefeld haben wir keine rechtsfreien Zonen oder Gegenden, die man unbedingt meiden muss.“ Auch sollte niemand Angst haben, alleine unterwegs zu sein. „Wenn man Bedenken hat, einen bestimmten Bereich zu durchqueren, weil er etwa verlassen ist, dann sollte man ihn einfach meiden. Ansonsten ist es immer wichtig, im Notfall andere Menschen konkret anzusprechen, etwa: ,Sie in der roten Jacke, ich brauche Hilfe.’“ Und man sollte auch nicht zögern, im Zweifel einfach den Notruf zu wählen.

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