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Strom unter dem Motorradsattel

Strom unter dem Motorradsattel

Alternative Antriebe erobern langsam auch die Zweiräder. Die Biker-Szene springt auf den Trend aber noch nicht richtig an.

Die ersten alltagstauglichen Elektromotorräder gibt es bereits. Etwa 200 Kilometer schaffen die besten Modelle. Für die große Tour reicht das nicht. Noch nicht. Wenn aber die Batterien mehr Energie speichern können, sind Elektromotoren eine echte Alternative zum Verbrenner. Das Potenzial dazu haben sie - andere Antriebsarten sind im Vergleich nicht konkurrenzfähig.

BMW wäre ein Kandidat gewesen, dem die Motorradszene ein richtiges E-Motorrad zugetraut hätte. Bei Ducati hätte schon mancher gestutzt, an Harley-Davidson bestimmt keiner gedacht. Doch gerade der amerikanische Hersteller ist plötzlich der Elektro-Pionier unter den etablierten Motorradherstellern. Im Sommer hat Harley das Vorserienmodell "Project Livewire" in New York vorgestellt.

Optisch passt die Maschine in die Kategorie Street Fighter. Die Lithium-Ionen-Akkus speichern Energie für 85 Kilometer Reichweite. Getankt wird an einer haushaltsüblichen Steckdose. Das dauert etwa dreieinhalb Stunden. Genügend Zeit zum Nachdenken: Hat die Biker-Szene überhaupt Interesse an alternativen Antrieben?

Harley-Davidson sucht die Antwort. Deshalb stehen bei etwa 30 Händlern in den USA handgefertigte Prototyen zur Probefahrt. 2015 kommt das Bike auch nach Kanada und Europa. Ob Harley ein Elektromotorrad anbieten wird, das entscheiden nun die Kunden.

Noch ist der Markt für E-Motorräder winzig. Laut der amerikanischen Tageszeitung Journal Sentinel aus Milwaukee hat von 100 verkauften Motorrädern in den USA eines einen Elektromotor. Dabei ist Amerika das Land mit den am meisten zugelassenen Elektrofahrzeugen, allen voran der Sonnenstaat Kalifornien. Dort hat der nach eigenen Angaben weltweite Marktführer in der Elektromotorrad-Branche seinen Sitz. Seit 2009 verkauft Zero aus Santa Cruz Bikes mit E-Antrieb. Das Topmodell schafft 200 Kilometer, hat 67 PS und beschleunigt unter vier Sekunden auf 100 km/h. Knapp 20 000 Euro kostet die Zero SR. Auf den Akku - der ist die mit Abstand teuerste Komponente an einem Elektrofahrzeug - gibt das Unternehmen fünf Jahre oder 160 000 Kilometer Garantie. Das ist eine Ansage an die Wettbewerber.

An Brammo zum Beispiel, ebenfalls ein amerikanisches Unternehmen, das allerdings erst seit diesem Jahr seine Elektromotorräder in Deutschland verkauft. Harley, Zeros und Brammos sehen aus, wie die Kunden Motorräder kennen. Bei der J1 des österreichischen Herstellers Johammer braucht es dafür schon wesentlich mehr Fantasie.

Das Motorrad ähnelt dem Modell Bullriding, allerdings abgeschnitten am Stiernacken, dafür mit eingepflanztem Vorderrad, gehalten von einer überdimensionalen Spaghettizange. Lenker und Spiegel wuchern aus dem vollen Blechkleid. "Unsere Kunden sind modern, das Besondere suchend, auch ökologisch interessiert", sagt Geschäftsführer Johann Hammerschmid. Die Reichweite gibt er mit 200 Kilometern an.

Im August 2014 war der Verkaufsstart in Österreich, am Aufbau für den Vertrieb in Deutschland und der Schweiz arbeitet das Unternehmen aktuell. Der Preis für zwei verschiedene Modelle beträgt 23 000 und 25 000 Euro. Sie leisten 16 Kilowatt - den Unterschied macht die Akkukapazität. Eine Marktuntersuchung, ob die Szene Interesse an einem Elektromotorrad hätte, interessiert Hammerschmid nicht: "Aktive Motorradfahrer sind nicht unsere Kunden." Die Biker-Szene sei im Wesentlichen bestenfalls neugierig, nur vereinzelt wirklich interessier an alternativen Antrieben.

Denn Elektromotorräder haben wie Elektroautos den Nachteil der Reichweite. 100, selbst 200 Kilometer sind viel zu wenig für eine Tour. Für die rund 1000 Kilometer vom Süden Deutschlands bis in den Norden braucht man mit einem Elektromotorrad durchschnittlich zehn Stunden für die Fahrt und dazwischen 14 Stunden Ladezeit. Spaß ist etwas anderes. "Mit der aktuellen Batterietechnologie ist der Elektroantrieb am Motorrad nur für geringe Reichweiten sinnvoll einsetzbar", sagt Raphael Pleß. Der Ingenieur ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Darmstadt im Fachgebiet Fahrzeugtechnik.

Ingenieur Pleß prognostiziert für den Zweiradmarkt, dass es entweder Verbrennungsmotoren geben wird, die zur Leistungssteigerung und Verbrauchsminderung Turbo- oder Kompressor-geladen sind. Oder eben reine Elektrofahrzeuge für den Stadtverkehr.

(RP)