Verkehrspsychologe Thomas Wagner gibt Tipps Wie Autofahrer gelassen bleiben

Stuttgart · Die Kinder quengeln, der Beifahrer nervt, der Abstandswarner piepst: Während der Fahrt gibt es im Auto manchmal Stress. Dann sollten Fahrer cool bleiben. Im Interview erklärt Verkehrspsychologe Thomas Wagner, wie das funktioniert und was Stress verursachen kann.

Beim Autofahren können verschiedene Faktoren auf den Fahrer einwirken. In solchen Situationen heißt es: Ruhe bewahren.

Beim Autofahren können verschiedene Faktoren auf den Fahrer einwirken. In solchen Situationen heißt es: Ruhe bewahren.

Foto: dpa-tmn/Christin Klose

Jemand drängelt von hinten, die grüne Ampelphase war mal wieder viel zu kurz – externe Gründe, sich beim Autofahren aufzuregen, gibt es viele. Doch nicht nur das Verkehrsgeschehen strapaziert die Nerven von so manchem Autofahrer, sondern oft auch das, was sich im Wagen selbst abspielt. Das kann nervende Technik sein, wenn sich das Auto mit seinen Assistenzsystemen zu oft oder aus scheinbar unverständlichen Gründen mitteilt. Scheinbar wirre Parkpiepser sprechen zu sensibel an, Abstandswarner lassen Lämpchen aufblitzen, Lenkräder und Sitzwangen vibrieren. Aber auch Mitfahrer auf dem Beifahrersitz oder der Rückbank können die Person hinter dem Steuer irritieren oder stressen.

Solche Situation gilt es zu vermeiden – wie, das ist auch eine Frage guter Vorbereitung, indem man längere Autofahrten vorab gedanklich durchspielt und sich mit der Funktionsweise der Bordtechnik vertraut macht. So könne Ablenkung und deren möglicherweise schlimmen Folgen vorgebeugt werden, sagt Thomas Wagner, Verkehrspsychologe bei der Sachverständigenorganisation Dekra in Stuttgart, der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Verkehrs-
psychologie (DGVP) ist.

Warum lassen sich Menschen in solch verantwortungsvollen Situationen wie dem Autofahren überhaupt nerven?

THOMAS WAGNER Vorgeschaltet ist die Ablenkung. Sie entsteht, wenn wir mit Reizen konfrontiert werden, die neuartig oder aus anderen Gründen bedeutsam sind. Reize, die sich aufdrängen, sich mit ihnen zusätzlich zu beschäftigen. Auch im Auto passiert das. Und wenn es nicht so läuft, wie man sich das vorstellt, entsteht dann Stress. Der Organismus wird dabei hochgefahren. Wie unsere Vorfahren vor Jahrtausenden stellen wir uns, ob hinter dem Steuer oder nicht, auf Flucht oder Kampf ein, der Blutfluss verlagert sich vom Hirn mehr in die Extremitäten. Man kann also nicht mehr richtig denken und handelt stereotyp oder monoton, und da kommt selten Gutes dabei heraus. Solche auslösenden Reize, von denen ich spreche, können im Auto die Kinder auf der Rückbank sein, der Beifahrer, aber auch das Infotainmentsystem oder das Handy.

Thomas Wagner ist Verkehrs- psychologe bei der Dekra.

Thomas Wagner ist Verkehrs- psychologe bei der Dekra.

Foto: dpa-tmn/Antje Kunde

Nehmen wir das menschliche Ablenkungspotenzial. Wie reagiert man am besten, wenn auf der Rückbank Streit ausbricht oder die Person auf dem rechten Platz sich mit Besserwisserei andauernd einmischt?

WAGNER Da sind unterschiedliche Strategien gefragt. Einem Beifahrer kann man unmissverständlich klar machen, dass man als Fahrer oder Fahrerin die verantwortliche Person am Lenkrad ist. Nach dem Motto: Wenn Du nicht aufhörst, halte ich an, und Du kannst zu Fuß weiter gehen. Im äußersten Fall sollte man seinen Worten da ruhig auch mal Taten folgen lassen. Es gibt übrigens Studien, die zeigen, dass die verbale Ablenkung aufgrund von Unterhaltung mit dem Beifahrer genauso sehr ablenkt wie während der Fahrt mit dem Handy zu telefonieren. Ich binde geistige Energie, die nicht mehr für die Straße zur Verfügung steht, das unterschätzen viele. Nervt der Lebenspartner von der Seite, ist die Ablenkung noch größer, da es oft emotionaler zugeht. Bei Kindern liegt der Fall anders. Man muss sich vor allem auf Eventualitäten einstellen, sich wappnen, indem die Fahrt möglichst gut geplant wird. Also vorher überlegen, wo man Pausen einlegen kann oder wie sich die Kinder im Auto beschäftigen können. Gibt es Spiele, die ihnen Spaß machen? Es kommt aber natürlich trotzdem vor, dass Kinder sich streiten oder quengeln. Dann sollte man ihnen kurz und in ruhigem Ton vermitteln, dass sich die Situation bald ändert und eine Pause ankündigen: Wir fahren in fünf Kilometern runter, bis dahin schafft ihr das! Der Halt am Spielplatz kann die Lösung sein. Nach der Ansage sollte man sich wieder konsequent der Fahraufgabe widmen oder sich am besten im Vorfeld mit einem möglichen Beifahrer auf eine Aufgabenteilung einigen: Ich fahre, und du kümmerst dich um den Nachwuchs.

Vorbereitung hilft also, um sich gegen sozialen Stress an Bord zu wappnen. Gilt das auch, wenn die Technik nervt? Wenn piepsende und blinkende Assistenzsysteme es zu gut meinen?

WAGNER Wir beobachten einen Spagat, den die Systeme meistern müssen. Denn die Menschen unterscheiden sich: Manche begrüßen Warnungen der Systeme noch, während andere sich schon belästigt und bevormundet fühlen. Wichtig ist es also, dass Menschen sich entscheiden können, ob sie sich warnen lassen wollen oder nicht. Aus psychologischer Sicht sollten bestimmte Assistenzsysteme abschaltbar oder zumindest personalisierbar sein. Wenn sich Menschen gegängelt fühlen, ist das selten gut. Wichtig ist auch, sich mit der Funktionsweise vertraut zu machen, in welchem Abstand und bei welchem Tempo sich zum Beispiel ein Abstandswarner meldet. Wer sich die Nützlichkeit der Systeme vergegenwärtigt, beugt Stress vor. Assistenzsysteme können aber auch ganz ohne Stress zu Risiken führen. Wenn zum Beispiel Abstandstempomat und Spurhalteassistent zusammen genutzt werden, wenn das Auto gegebenenfalls eigenständig lenkt, Gas gibt und bremst, also viel von der Fahraufgabe übernimmt. Das wird zwar als komfortabel empfunden. Doch was dann passiert, ist eine Überforderung durch Unterforderung. Weil einem langweilig wird, wendet man sich anderen Reizen zu. Dann fange ich an zu daddeln, spiele am Navi rum, mache was anderes. Ich verlasse mich auf die Unterstützung durch die Assistenten und vernachlässige meine Pflichten. Etwas Ähnliches geschieht bei Nachtsichtsystemen, die die menschliche Wahrnehmung bei Dunkelheit unterstützen. Man glaubt besser im Bilde zu sein – und reduziert seine Sorgfaltspflicht. Das sollte natürlich nicht passieren.

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