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Streit über Tempolimits hat in Deutschland Tradition

60 Jahre Tempo 50 : Streit über Tempolimits hat Tradition in Deutschland

Ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen? Oft gefordert, doch auch sehr umstritten. Ähnlich sah es vor 60 Jahren aus, als am 1. September 1957 Tempo 50 in geschlossenen Ortschaften eingeführt wurde.

Was heute selbstverständlich ist, löste damals heftige Diskussionen aus. Ein Ende der Freiheit auf Deutschlands Straßen war in der Zeit des Aufschwungs für viele undenkbar. In den Wirtschaftswunderjahren war das Auto Statussymbol, ein Zeichen des Fortschritts, Reglementierungen galten als rückschrittlich.

Zwischen 1950 und 1953 verdoppelte sich die Zahl der Fahrzeuge in der Bundesrepublik auf fast fünf Millionen. Aber damit stieg auch die Zahl der Verkehrstoten: Mehr als 12.000 waren es 1955 — Spitzenwert in Europa. Eine 1956 veröffentlichte Statistik belegte, dass jeden Tag 18 Menschen im Stadtverkehr starben. Zum Vergleich: 2016 gab es 3206 Verkehrstote — bei rund 62 Millionen Fahrzeugen, die inzwischen auf Deutschlands Straßen rollen.

In den 50ern waren Tempolimits nur in wenigen europäischen Ländern vorhanden. Lediglich Großbritannien, Österreich und die Schweiz hatten in den Städten eine Beschränkung von 50 km/h durchgesetzt. Der Erfolg dieser Maßnahme sprach für sich: In Großbritannien starben bei doppelter Verkehrsdichte damals nur 5000 Menschen im Jahr.

Das nahm der Vorsitzende des Verkehrsauschusses im Bundestag, CDU-Politiker Oskar Rümmele (1890-1975), zum Anlass, um auch in Deutschland ein Tempolimit zu fordern. Rümmele wollte für Pkw und Motorräder 50 km/h in der Stadt, 80 km/h auf Landstraßen und 90 km/h auf Autobahnen durchsetzen. Der Protest ließ nicht lange auf sich warten.

Der ADAC war gegen jegliches Tempolimit, viele hochrangige Experten sprachen sich ebenfalls dagegen aus. Sie waren der Meinung, der Verkehr in der Stadt breche zusammen, wenn man generell nur noch 50 fahren dürfe. Auch der Ruin der deutschen Automobilindustrie wurde prophezeit — und Rümmele wurde als Landei bezeichnet, der Angst vor dem Tempo der Großstadt habe.

"Die meisten Abgeordneten sind auch dem Teufel der Raserei verfallen", kommentierte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses damals. Am Ende blieb von dem Gesetzesvorschlag nur das Limit von 50 km/h für Städte übrig. Am 3. Juli 1957 gab der Bundestag seine Zustimmung.

Überraschend schnell trat die neue Vorschrift dann zum 1. September 1957 in Kraft. Es gab damals noch nicht einmal Ortstafeln am Stadtrand — so wie heute. Also begann wieder eine heftige Diskussion, auch in der Presse. Von vielen neuen Staus in den Städten, vor allem auf den Ausfallstraßen, war die Rede.

Letztlich zeigte die Geschwindigkeitsbegrenzung jedoch schon wenige Wochen nach Einführung ihre Wirkung: in Großstädten wie Köln und Stuttgart halbierte sich die Zahl der Verkehrstoten.

Das 100er-Limit auf Landstraßen folgte erst 1972, auf Autobahnen gilt seit 1974 die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h. Beide Regelungen wurden von Debatten begleitet. "Freie Fahrt für freie Bürger", lautete in den 70ern der Slogan des ADAC und einer eigens gegründeten Auto-Partei.

Und auch heute sind Tempolimits umstritten. Nicht die 50-km/h-Beschränkung in den Ortschaften — sie ist akzeptiert. Die Reizthemen heißen Tempo 30 und Geschwindigkeitslimit auf Autobahnen: Nach der jüngsten Umfrage der Verkehrsforscher der Versicherer aus 2016 ist gerade einmal ein Drittel der Deutschen für Tempo 30 in Städten. 42 Prozent können sich für Tempo 80 auf Landstraßen erwärmen und fast die Hälfte (48 Prozent) für eine generelle 130-Grenze auf Autobahnen.

(beaw)