Pro und Contra: Soll ich jetzt aus dem ADAC austreten?

Pro und Contra : Soll ich jetzt aus dem ADAC austreten?

Der ADAC steckt derzeit in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Der Club musste einräumen, die Stimmenzahl bei seinem Publikumspreis "Gelber Engel" gefälscht zu haben. Auch an der Pannenstatistik gibt es Zweifel. Wie sollen Autofahrer reagieren? Austreten oder Mitglied bleiben? Ein Pro und Contra.

Mein Großvater war Mitglied im ADAC. Mein Vater ebenfalls. Und ich war es schließlich auch, irgendwann im Sommer 1980. Ein wenig wegen der Familientradition, vor allem aber, weil ich von uns dreien als jüngster das eindeutig älteste Auto besaß: einen VW Käfer, Baujahr 1971, orangerot, 130 000 Kilometer auf der Uhr, leichter Ölverlust.

Damals gab es keine Handys, kein Internet, keine Navigation. Aber es gab den ADAC. Schon der gelbe Aufkleber mit den schwarzen Buchstaben für die Windschutzscheibe vermittelte einem in jenen Tagen ein gutes Gefühl.

Tiefe Krise: Der ADAC hat beim Preis "Gelber Engel" geschummelt. Foto: Franziska Kraufmann

Später, als die Autos größer, zuverlässiger und sicherer wurden, wirkte der Aufkleber irgendwann deplatziert. Als wenn man der Kiste doch nicht traute. In Wahrheit gestaltete sich der Kontakt zum Automobilclub da auch schon länger recht einseitig. Er beschränkte sich auf Zuschriften aus München, in denen immer neue Versicherungen, Kreditkarten oder Vergünstigungen angeboten wurden. Was man davon hätte brauchen können, hatte man selbstverständlich schon. Nichts wirklich Neues hingegen in der Club-Postille "Motorwelt": Dort gewannen VW, Mercedes und BMW nahezu jeden Vergleichstest. Die Empörungsorgien gegen hohe Spritpreise, schlechte Straßen oder gegen die Maut — ebenso erwartbar wie folgenlos. Das Ganze für zuletzt 79,50 Euro Jahresbeitrag.

Damit habe ich die Aufgeblasenheit des ADAC lange mitfinanziert. Auch die vielen und angeblich so aufwendigen Untersuchungen und Erhebungen, deren Glaubwürdigkeit nun infrage steht. Schluss damit. Ich trete aus. Doch kann ich in der mobilen Welt überleben?

Ich kann. Ab sofort kümmert sich mein Kfz-Versicherer im unwahrscheinlichen Fall einer Panne darum, dass mich ein Werkstattwagen wieder flottmacht (was in über 80 Prozent der Einsätze gelingt). Oder eben abschleppt. Für acht Euro im Jahr. Das ist es, was ich von Anfang an vom ADAC wollte. Mehr nicht.

Reden wir nicht drum herum: Aus der katholischen Kirche und dem ADAC tritt man nicht aus, bloß weil einem gerade mal was nicht passt. Punkt. In der ersteren bleibe ich aus Überzeugung, in letzterem aus purem Aberglauben. Seit 1988 bin ich Clubmitglied, und seitdem haben der ADAC und ich einen ganz besonderen Deal. Ich zahle, und dafür passiert meinem Auto nichts Schlimmes. Damit fahre ich gut seit 25 Jahren.

Damals habe ich mich mit einem alten VW Käfer von zweifelhaftem Zustand furchtlos über die Alpen getraut, weil man das erstens in diesem Alter so macht, und weil ich zweitens wusste, dass der ADAC über mich wacht. Und das hatte ich schriftlich in Form eines "Schutzbriefs".

Gebraucht habe ich ihn damals nie. Und wissen Sie, warum nicht? Nicht, weil der Käfer praktisch unverwüstlich war, sondern weil ich ja diesen abergläubischen Ablasshandel geschlossen hatte: Ich bin ADAC-Mitglied, damit ich den ADAC nicht brauche. Lachen Sie ruhig, aber ich bin mir sicher: Wenn ich morgen austreten würde, bliebe ich übermorgen irgendwo hilflos im Nirgendwo liegen. Es ist nicht so, dass ich die magische Nummer 0180 2 22 22 22 noch nie angerufen hätte. Aber das war erst später, als die Autos jünger wurden und ich nachlässiger (Benzin statt Diesel getankt; Batterie kaputt).

Dass der Club bei der Wahl des Lieblings-Autos seiner Mitglieder pfuscht, hat mich erstens überhaupt nicht überrascht, und zweitens nicht gestört. Viel mehr nervt mich, wenn der ADAC in meinem Namen als Mitglied irgendetwas fordert, das ich für ausgemachten verkehrspolitischen Schwachsinn halte. Aber das hat nicht einmal den früheren Grünen-Minister Joschka Fischer davon abgehalten, ADAC-Mitglied zu werden, so wie jetzt der Pfusch Unions-Fraktionschef Volker Kauder nicht davon abhält, Mitglied zu bleiben (die nehmen wirklich jeden). Hauptsache, der Club hält sich an unseren Deal.

(RP)
Mehr von RP ONLINE