Kunden verschieben Käufe: Schlechtestes Autojahr seit 1995

Kunden verschieben Käufe : Schlechtestes Autojahr seit 1995

Wegen der Euro-Krise verschieben die Kunden ihre Auto-Käufe. Bislang vor allem in Südeuropa. Aber inzwischen schlägt die Unsicherheit auch auf den deutschen Markt durch. Europa drohen Werksschließungen im großen Stil.

In der Dauerkrise der europäischen Autobauer gibt es einen Gewinner: Den Neuwagenkäufer. Weil die Branche gerade ihr schlimmstes Jahr seit 1995 durchmacht, locken die Hersteller mit hohen Rabatten. Das Problem der Branche: Die Kunden kaufen trotzdem nicht.

Laut Universität Duisburg-Essen sparen Neuwagenkäufer derzeit mit Rabatten, Sondermodellen und Finanzierungen im Schnitt 12,6 Prozent. Hersteller wie Citroën, Mazda oder Fiat bieten einzelne Modelle mit Nachlässen über 30 Prozent an. Gleichzeitig meldet der Verband der Automobilindustrie, dass der deutsche Fuhrpark mit einem Durchschnittsalter von 8,7 Jahren noch nie so alt war wie heute. Der Bedarf ist groß, die Preise klein. Und doch brach der Neuwagenverkauf in Deutschland im ersten Halbjahr um 8,1 Prozent ein, obwohl auch das allgemeine Konsumklima so gut ist wie zuletzt 2007.

Der Grund für die Widersprüche: Das Auto ist der zweitteuerste Haushaltsposten. Ihr Auto wechseln die meisten höchstens zehn mal im Leben, da kommt es auf ein Jahr früher oder später nicht an. Die Euro-Krise verunsichert auch die Deutschen. Aber sie wollen deshalb nicht gleich ihren Lebensstandard senken. Also verschieben sie den Autokauf .

Weil es den meisten Ländern in Europa derzeit schlechter als Deutschland geht, ist der Trend dort noch stärker. In Italien und Frankreich brachen die Verkaufszahlen im ersten Halbjahr um gut ein Zehntel ein. Nach Angaben des Branchenverbandes Acea hat die Krise in Südeuropa den Europa-Absatz neuer Autos im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 17 Jahren gedrückt. Im ersten Halbjahr 2013 erholte sich das Europa-Minus 6,6 Prozent. Aber nur, weil das Nicht-Euro-Land Großbritannien sich als einziger großer Markt in Europa mit einem überraschenden Halbjahres-Plus von zehn Prozent gegen den Abwärtstrend stemmt. BMW-Chef Norbert Reithofer sagte der Börsenzeitung, Westeuropa werde in diesem Jahr erneut um fünf Prozent nachgeben. Behält er recht, wird 2013 für Europa das schlechteste Jahr seit 1995. Nach Einschätzung des Automobilexperten Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach ist die Wende "eher ein Thema für das Jahr 2020 als für 2015".

Europas Autobauer reagieren bereits. Sie wissen, dass die angekündigte Schließung des Bochumer Opel-Werkes (3300 Beschäftigte) nicht reicht — die Überkapazitäten aller europäischen Werke liegen bei über 25 Prozent. Am kritischsten ist die Lage in Italien, wo die Auslastung der Münchener Beratungsfirma Alix zufolge auf 46 Prozent eingebrochen ist. In Frankreich beträgt sie 62 Prozent. Um profitabel zu sein, müssen Autofabriken zu 80 Prozent ausgelastet sein. Felix Kuhnert von der Unternehmensberatung PwC rechnet deshalb vor, dass es in Europa mindestens acht Autofabriken zu viel gibt. "In den vergangenen fünf Jahren ist der Absatz in Europa um 20 Prozent eingebrochen", sagt Bratzel — das sind drei Millionen weniger verkaufte Fahrzeuge als im Jahr 2007.

Ford hat Ende vergangenen Jahres die Schließung eines Werkes im belgischen Genk sowie zwei kleinerer Werke in Großbritannien angekündigt. Betroffen sind 5700 Mitarbeiter. Der französische Peugeot-Citroën-Konzern will 8000 Jobs streichen und ein Werk bei Paris schließen. Fiat kann die Verluste in Europa noch mit den Gewinnen seiner US-Tochter Chrysler auffangen, Renault mit seinem japanischen Partner Nissan. Am schlimmsten sieht es derzeit für Peugeot-Citroën aus, die große Hoffnungen auf ihre neue Partnerschaft mit der amerikanischen General Motors setzen. Daimler geht es Dank neuer Modelle in Europa relativ gut. Ob BMW und VW ihr schwaches Europa-Geschäft in Asien und den USA kompensieren können, werden in wenigen Tagen die Halbjahresbilanzen zeigen.

(RP)