Mit dem Sprachassistenten "Chris" sicherer Fahren.

Kommunikation : Mit Chris bleiben die Hände am Steuer

Sprachassistenten mit Gestensteuerung waren bislang der automobilen Oberklasse vorbehalten. Jetzt gibt es mit Chris ein Gerät zum Nachrüsten, das dem Fahrer Nachrichten und Telefonate im Auto abnimmt.

Gesprächige Beifahrer können ganz schön nerven. Aber wenn sie einem das Schreiben und SMS und Whatsapp-Nachrichten am Steuer abnehmen, sind sie echt praktisch. „Hey Chris, habe ich neue Nachrichten?“, frage ich auf der Fahrt ins Büro. „Ja, Du hast sechs neue Nachrichten“, antwortet mein digitaler Gefährte. „Soll ich Sie vorlesen?“

Chris, so heißt die vielversprechende Erfindung von German Autolabs. Das junge Berliner Unternehmen hat den ersten intelligenten Sprachassistenten speziell für Autofahrer entwickelt – als nachrüstbares Zubehörteil.

Was bislang größtenteils Neuwagen der automobilen Oberklasse vorbehalten war, kann man sich jetzt in jedem Gebrauchtwagen selbst einbauen: Chris ermöglicht Telefonate, SMS- und Whatsapp-Messaging, Navigation und Musikabspielen in einem –
via Gesten- und Sprachsteuerung.

„Hey Chris, schreibe eine Whatsapp-Nachricht an Stefan“. Ich möchte meinem Kollegen mitteilen, dass ich heute etwas später ins Büro komme. Chris textet und verschickt die Message binnen Sekunden. Genau so problemlos kann ich mir neue Nachrichten vorlesen lassen. Bei empfangenen Bildern bittet das Gerät ganz vorbildlich, sich diese in Ruhe nach der Fahrt anzusehen.

Das ist der große Vorteil des Mini-Computers, der die Größe eines Handtellers hat: Einmal installiert, kann man die Hände am Steuer und die Augen auf der Straße lassen. Ablenkung durchs Handy gilt als eine der häufigsten Unfallursachen – schätzungsweise ein Drittel aller Unfälle ist heute auf abgelenkte Fahrer zurückzuführen.

Allein die Berliner Polizei registrierte im Jahr 2018 knapp 18.800 Ordnungswidrigkeiten wegen Benutzung elektronischer Geräte im Straßenverkehr. Erwischten Autofahrern droht ein Bußgeld von bis zu 200 Euro und ein Punkt.

Die Entwicklung von Chris war anspruchsvoll. In der nur 9x9 Zentimeter großen und 250 Gramm schweren Hardware steckt eine Menge High-Tech: eine Speicher- und Prozessoreinheit, fünf Mikrofone sowie ein hochauflösender Gestensensor. Dazu kommt ein 2,1 Zoll großes TFT-Farbdisplay.

Der Einbau im Auto ist schnell gemacht. Den Mini-Computer befestigt man per Saugnapf an der Windschutzscheibe. Das Verbindungskabel zur 12-Voltsteckdose liegt in extra langer Ausführung bei. So lässt es sich am Armaturenbrett vorbeiführen und man hat keinen Kabelsalat über Schaltknauf und Mittelkonsole.

Die Chris-App lädt man aus dem Internet herunter, dazu kommen das Kartenmaterial für den Navi sowie regelmäßige Software-Updates. Das System benötigt ein bluetoothfähiges Smartphone mit Android 7.1.1 oder höher beziehungsweise iOS (Beta). Das Auto muss dagegen nicht bluetooth-kompatibel sein. Für ältere Fahrzeuge kann man einen FM-Transmitter dazu kaufen, der Chris per FM-Frequenz mit dem Auto verbindet. So kann man den digitalen Sprachassistenten sogar in einem Oldtimer bedienen.

Die Hardware Chris kostet 199 Euro, der FM-Transmitter 29,99 Euro extra. Das ist nicht viel Geld für einen intelligenten Sprachassistenten mit Gestensteuerung. Vergleichbare Tools in der Oberklasse kosten deutlich mehr Aufpreis. Die meisten Deutschen fahren aber keine teuren Neuwagen, sondern im Schnitt knapp zehn Jahre alte Gebrauchte. Zwar gibt es mit Amazon Echo oder Siri (nur für Apple-User) alternative Sprachassistenten. Doch die sind nicht wirklich fürs Auto gemacht.

Ein paar Schwächen könnten die Entwickler von Chris noch ausmerzen. So erwies sich der Mini-Computer im Testbetrieb als etwas schwerhörig. Beim Messaging sind langsame und sehr deutliche Ansagen notwendig. Bei längeren oder zu schnellen Sätzen reagiert der Sprachassistent überfordert und verschickt Nonsens-Nachrichten.

Negativ fiel außerdem die schlechte Audioqualität bei Telefonaten auf. Am anderen Ende der Leitung beschwerten sich Gesprächsteilnehmer über schlechte Akustik und nervige Echos durch Rückkopplung. Bei Festnetz-Anrufen gab es diese Problematik nicht.

Auch Echtzeit-Navigation bietet Chris noch nicht. Einmal will mich der Navi in eine Baustelle lotsen. Eigenwillige Routenänderungen mag der digitale Beifahrer ebenfalls nicht. Die werden mit der kuriosen Ansage quittiert, man möge nach „zwei Millionen und vierhundertsiebzigtausend und vierhundertdreiundachtzig Kilometern“ abbiegen.

Diese „Kinderkrankheiten“ werde man bald beheben, versichern die Entwickler von German Autolabs. So erhalten Kunden einmal pro Monat ein kostenloses Release-Update, das die Funktionen von Chris permanent erweitern und verbessern soll. So steht neuerdings auch Offline-Kartenmaterial zur Verfügung. Die recht simple Straßenführung wurde ansprechender gestaltet. Neuerdings werden helle, farbige 3D-Karten angezeigt.

Mit Sprachassistent Chris kann der Fahrer während der Fahrt kommunizieren, ohne die Hände vom Lenkrad zu nehmen. Foto: German Autolabs
Vor Fahrtbeginn verbindet sich das Handy mit dem Sprachassistenten. Foto: German Autolabs

Mittelfristig könnten derartige intelligente Systeme integriert in Neufahrzeuge eingebaut werden. German Autolabs ist diesbezüglich mit verschiedenen Automobil-Herstellern im Gespräch.

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