Das automobile Kulturgut Wann das Motorrad zum Oldtimer wird

Münster · Wer einen Oldtimer auf zwei Rädern hat, ist Fan, Fahrer und Mechanist in einer Person. Das Hobby braucht Leidenschaft. Thomas Welzel besitzt einige Oldtimer-Motorräder und erklärt, was die Faszination ausmacht.

Thomas Welzel ist regelmäßig auch auf drei Rädern mit dem BMW R60-Gespann unterwegs.

Thomas Welzel ist regelmäßig auch auf drei Rädern mit dem BMW R60-Gespann unterwegs.

Foto: Thomas Welzel

Man kann „Oldtimer“ juristisch definieren, steuerrechtlich oder technisch. Thomas Welzel tut sich damit schwer und beschreibt lieber aus seiner mehr als 30-jährigen Praxis als Fan alter Motorräder, was für ihn einen „Oldtimer“ ausmacht: „Da ist man immer halb Fahrer und halb Maschinist“, sagt der 58-jährige Elektroingenieur aus dem Vorstand des Veteranen-Fahrzeugverbandes.

Läuft die Ölpumpe richtig mit? Rasseln die Ventile? Knallen Fehlzündungen im Auspuff? „Das muss man alles im Blick und im Ohr haben und vieles auch während der Fahrt nachstellen“, erklärt Welzel und nennt ein Beispiel: „Wenn ich bergauf fahre, muss ich das Luft-Benzin-Gemisch etwas fetter einstellen als auf gerader Strecke. Sonst geht der Maschine die Puste aus.“ Abgesehen davon, dass Oldtimer-Neulinge etliche Maschinen gar nicht erst starten könnten, weil sie keinen elektrischen Anlasser haben. „Etliche werden mit einem kräftigen Tritt auf den Kickstarter in Gang gesetzt. Dafür muss man erst das Ventil öffnen und dann den Kolben in den Totpunkt bringen.“ Wie bitte? Wer ist tot? Welzel lächelt freundlich: „Das klingt komplizierter als es ist. Man fühlt schnell, wie die Handgriffe richtig sitzen. Und wer dieses Feeling nicht hat, will sowieso keinen Oldtimer fahren.“

Fahrzeuge, die 30 und mehr Jahre alt sind, dürfen in Deutschland ein „H“ für „historisch“ auf dem Kennzeichen tragen. Mit der Option auf günstigere Kfz-Steuern und Versicherungsbeiträge unterstützt der Gesetzgeber seit 1997 das automobile Kulturgut. Voraussetzung ist, dass die Fahrzeuge weitgehend im Originalzustand sind oder fachmännisch restauriert wurden. Eine oft kostspielige Hürde, die nicht alle Oldtimer schaffen. Der Bestand entsprechend alter Fahrzeuge mit und ohne H-Kennzeichen hat sich in Deutschland laut Kraftfahrt-Bundesamt von 2012 bis 2022 auf 732.000 fast verdreifacht, wobei die Oldtimer- Motorräder innerhalb dieser exklusiven Nische mit gut 17.000 Expemplaren besonders rare Exoten sind. Welzel besitzt zwölf davon. Das älteste: Eine „Imperia“ aus Bad Godesberg, Baujahr 1929, die in ihrem Wappen den Kölner Dom zeigt und aus 500 Kubikzentimetern Hubraum 22 PS Leistung erzeugt. Sein ganzer Stolz ist aber eine „Brough Supersport 80“, die 1930 nur rund 3000 mal im englischen Nottingham gebaut wurde. 150 davon haben bis heute überlebt. Es geht auch noch exklusiver. Welzel erzählt von an einer Versteigerung Ende 2016, bei der die große Schwester seiner Supersport, eine „Brough Superior“ mit Austin-Motor für rund 400.000 Euro unter den Hammer kam. „Eine so genannte Moor-Leiche“, erinnert sich Welzel, „die wurde damals in erstaunlich gutem Zustand ausgebuddelt und insgesamt nur rund zehn Mal gebaut.“ Guido Kupper, Chefredakteur der Fachzeitschrift „Motorrad Classic“, berichtet von einer Harley- Davidson „Model 4 Strap Tank“ mit Baujahr 1908, die vor ein paar Jahren sogar für 935.000 US-Dollar (gut 850.000 Euro) versteigert worden ist.

 Die Imperia 500 Sport aus dem Jahr 1929 trägt stolz den Kölner Dom im Firmen-Emblem.

Die Imperia 500 Sport aus dem Jahr 1929 trägt stolz den Kölner Dom im Firmen-Emblem.

Foto: Thomas Welzel

Aber es geht auch günstiger. „Von ein paar hundert Euro für ein Brot- und Butter-Motorrad der 1950er bis 1980er in schlechtem Zustand über rund 15.000 Euro für perfekte Traumklassiker der 1970er wie eine Honda CB 750 Four oder eine Kawasaki 900 Z1 bis zu 150.000 Euro für eine frühe Vespa ist alles möglich“, skizziert der Motorjournalist die Bandbreite.

Und praktisch gesehen? Gehen der Szene so langsam die Ersatzteile aus? „Das Thema ist natürlich im Kommen, aber noch nicht so virulent, dass es im Alltag bei der Teilesuche schon spürbare Konsequenzen hätte“, sagt Kupper. Die Oldtimern der 1970-er bis 1990-er Jahre seien meist Massenprodukte gewesen, zu denen sich dank Internet das Gewünschte meist noch irgendwo auf der Welt auftreiben lasse. Welzel verweist zudem auf Manufakturen, die Spezialteile zur Not auch nachbauen können. „So eine nachgebaute Nockenwelle kostet allerdings schnell 500 Euro, wenn es dazu noch ein Muster oder zumindest eine technische Zeichnung gibt“, so Welzel.

Die R60 aus dem Jahr 1963 ist mit 30 PS ausreichend motorisiert, um einen Seitenwagen flott über die Landstraßen zu ziehen.

Die R60 aus dem Jahr 1963 ist mit 30 PS ausreichend motorisiert, um einen Seitenwagen flott über die Landstraßen zu ziehen.

Foto: Thomas Welzel

Ein „rollendes Museum“ von Rang ist die jährliche Rallye „Rund um Bad Münstereifel“, bei der Fans und Fahrer sich in diesem Jahr am 29. Juni treffen. Alternativen sind einschlägige Messen wie die Techno Classica in Essen oder die Retro Classics in Stuttgart.

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