Gratis-ÖPNV - das sagt der Verkehrsforscher

Gratis-ÖPNV: "Die größte Herausforderung ist der Pendlerverkehr"

Gratis mit Bussen und Bahnen fahren? Das könnte in Deutschland bald Realität sein. Bonn und Essen sollen Teststädte werden. Michael Schreckenberg, Verkehrsforscher an der Uni Duisburg-Essen, erklärt, woran das Projekt scheitern könnte.

Was halten Sie davon, wenn der öffentliche Nahverkehr in Deutschland kostenlos wird?

Michael Schreckenberg Das ist grundsätzlich eine sehr gute Idee, die man aber bis zum Ende denken muss, bevor man sich an die Umsetzung macht.

Was heißt das?

Schreckenberg Es hat alles seine Vor- und Nachteile. In Wien gibt es beispielsweise ein Modell, bei dem man für einen Euro am Tag mit Bussen und Bahnen fahren kann. Der Nachteil ist, dass man dann weiterhin Kontrollsysteme für die Tickets braucht. Das kostet Geld.

Das würde bei einem kostenlosen System ja entfallen.

Schreckenberg Genau. Sowohl die Kontrollmenchanismen als auch das Bezahlsystem würde wegfallen. Damit spart man also schon einige Kosten ein. Gleichzeitig muss man bedenken, dass gerade Menschen, die auf der Straße leben, bei winterlichen Temperaturen vermutlich nur noch mit der Bahn fahren würden.

Und das wäre ein Problem?

Schreckenberg Kein Problem, aber man muss bedenken, dass es ganz ohne Kosten nicht geht. Meiner Meinung nach ist der Komfort einer der wichtigsten Aspekte. Busse und Bahnen müssen gereinigt werden, sie müssen häufig fahren und sie dürfen nicht allzu überfüllt sein. Das heißt, vor allem im Pendlerverkehr müsste man das Angebot erhöhen, und das ist vermutlich das größte Problem.

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Wieso?

Schreckenberg Sehen Sie sich doch mal die S-Bahn an, die morgens nach Düsseldorf reinfahren. Die sind komplett überfüllt. In Frankfurt hat man das Bahnfahren sogar mal teurer gemacht, weil die Auslastung durch die Pendler zu hoch war. Man wollte also, dass weniger Menschen mit der Bahn fahren. Sonst hätte man neue Schienen bauen müssen. Der Pendlerverkehr ist die größte Herausforderung und gleichzeitig der wichtigste Punkt im Verkehr.

Sie halten also nichts davon, das Modell nur in zwei Städten zu testen? Dabei ist der Pendlerverkehr ja eben nicht berücksichtigt.

Schreckenberg Das Ticket müsste den gesamten Bereich des VRR beinhalten. Aber so weit ich weiß, ist auch noch nicht klar, wie der Modellversuch genau aussehen soll. Pendler könnten also noch berücksichtigt werden.

Es gibt Studien, die besagen, dass es mehr helfen würde, das Autofahren teurer zu machen. Mindestens müsste man demnach beide Maßnahmen gleichzeitig ergreifen. Was sagen Sie dazu?

Schreckenberg Das ist zu überlegen, allerdings ist es in der Umsetzung schwierig. Was genau macht man teurer? Eine City-Maut müsste jede Stadt selbst erlassen, das wäre sehr viel organisatorischer Aufwand. Man könnte die Anwohnerparkplätze in der Stadt daran knüpfen, dass ein Monatsticket für die öffentlichen Verkehrsmittel gekauft werden muss. Das können sich allerdings nicht viele leisten. Die Mineralölsteuer lässt sich auch nicht so einfach anheben. Ich halte das also für keinen optimalen Hebel. Die wirklich wichtige Stellschraube ist der Komfort.

Eine solche Umstellung würde sicherlich Milliarden kosten. Macht das überhaupt Sinn?

Schreckenberg Das würde Milliarden kosten, aber das Geld ist vorhanden. Wie gesagt, es fallen ja auch sehr viele Kosten weg. Man muss außerdem abwarten, wie es mit dem Dieselverbot weitergeht. Wenn das wirklich kommt, werden auf die Dauer auch Fahrzeuge ohne Partikelfilter betroffen sein. Es wird sich aber nicht jeder ein Elektroauto kaufen. Das würde die Chancen erhören, dass dieses Projekt gut angenommen wird.

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(ham)