Wenn Hitze Autobahnen sprengt: Experten warnen vor 3000 gefährdeten Kilometern Fahrbahn

Wenn Hitze Autobahnen sprengt : Experten warnen vor 3000 gefährdeten Kilometern Fahrbahn

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses verlangt neue Standards, um die Infrastruktur den häufigeren Extrem-Wetterlagen anzupassen. Bis zu 3000 Kilometer Fahrbahnen werden bei starken Temperaturschwankungen zur Gefahr.

Ausgerechnet kurz vor dem Start der Sommerreisewelle hat das extreme Wetter eine Reihe von Autobahnen stark beschädigt. Wie das Bundesverkehrsministerium erläuterte, sind davon ältere Betonstraßendecken betroffen. Weil einem langen kalten Winter zunächst starker Regen folgte und dieser wiederum von starker Hitze abgelöst wurde, waren an zahlreichen Stellen die Betonplatten gesprengt worden. In Bayern starb ein Motorradfahrer, als er an einer aufgebrochenen Fahrbahndecke regelrecht abhob und schwer stürzte. Der ADAC berichtete gestern zudem von mehreren Beinahe-Unfällen, weil während der Fahrt über die geplatzte Stelle die Airbags auslösten.

Vor diesem Hintergrund verlangte der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Anton Hofreiter (Grüne), eine Anpassung von Deutschlands Infrastruktur an häufigere Extremwetterlagen. "Durch den Klimawandel steigt die Wahrscheinlichkeit von extremen Wetterlagen, darauf müssen wir unser technisches Regelwerk einstellen", sagte Hofreiter. Nicht nur die Autobahnen seien davon betroffen. Es gehe beispielsweise auch um Klimaanlagen in Zügen und die zunehmende Belastung von Brücken. 30 statt 20 Zentimeter dicke Fahrbahndecken könnten dann den entscheidenden Unterschied ausmachen. Ein Sprecher von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erklärte, die älteren Straßendecken würden Stück für Stück ohnehin ausgetauscht.

Alte Betonplatten betroffen

Nach Auskunft der Bundesanstalt für Straßenwesen ereignen sich "Blow-ups" vor allem bei alten Betonplatten, die nur 22 Zentimeter stark sind. Rund 3000 der 12 800 deutschen Autobahnkilometer haben eine Betonfahrbahndecke. Auf wie viel Kilometern die dünnen Betondecken verbaut sind, darüber gibt es bei der Bundesanstalt keine Erkenntnisse. "Die von den Schäden betroffenen Betonfahrbahndecken wurden gemäß dem damals gültigen technischen Regelwerk hergestellt", teilte die Behörde mit. Neuere Betondecken sind etwa zehn Zentimeter dicker und halten den bei großer Hitze enormen Spannungen zwischen ihrer heißen Oberfläche und ihrer relativ kühlen Unterseite besser stand.

Betroffen waren in den vergangenen Tagen die A 8 bei Remchingen nahe Karlsruhe, die A 7 an verschiedenen Stellen in Baden-Württemberg, in Bayern die A 3, A 7, A 92, A 94 und A 93, wo sich der tödliche Unfall ereignete. Zu weiteren Sperrungen kommt es zudem wegen Schäden auch auf anderen Straßendecken — in der großen Hitze hatte sich an manchen Stellen der Asphalt aufgelöst. Vorübergehende Tempolimits gibt es unter anderem auf der A 3 (Nürnberg — Passau), der A 92 (München — Deggendorf) und der A 93 (Holledau — Regensburg).

Verformungen bei 60 Grad

Wenn sich Asphaltbelag auf über 60 Grad erhitzt, kann es leicht zu Verformungen kommen. So fahren Lastwagen Spurrillen in den Asphalt, die für nachkommende Autos gerade bei hohem Tempo zum Risiko werden.

Politik und Verkehrsverbände forderten die Autobahnmeistereien auf, deutlich mehr Kontrollfahrten vorzusehen. Aber auch das hilft nicht gegen böse Überraschungen. So wurde berichtet, dass an einer Stelle kurz nach einer solchen Kontrolle ein "Blow-up" auftrat. "Bei Schäden muss entsprechend gewarnt oder sogar gesperrt werden", sagte ADAC-Sprecher Andreas Hölzel. Sein Rat an Autofahrer bei Hitze: Das Tempo drosseln, den Sicherheitsabstand unbedingt einhalten und besonders intensiv auf Straßenschäden achten.

Mit Hochdruck arbeiteten die Baufirmen gestern an einer Beseitigung der Schäden. Die Autobahnmeistereien gehen dabei unterschiedlich vor. Wo eine Urlaubsreisewelle unmittelbar bevorsteht, werden die Stellen nun provisorisch mit Asphalt geflickt. Wo jedoch noch ein, zwei Wochen Zeit sind, wird die gesprungene Fahrbahn gleich gründlich repariert.

(may-)