Erster Kleinwagen Westdeutschlands: Ein rasendes Ei wird 60

Erster Kleinwagen Westdeutschlands : Ein rasendes Ei wird 60

Fulda (RPO). Als das Fulda-Mobil Anfang der 50er Jahre aus dem Werk rollte, bestach es durch sein nahezu eiförmiges Aussehen. Er war der erste serienmäßig gebaute Kleinwagen in Westdeutschland. Erfunden hat ihn vor 60 Jahren der Fuldaer Tüftler Karl Schmitt.

Wenn Wolfgang Seng aus Petersberg bei Fulda in seinen Erinnerungen kramt, bleibt er immer wieder bei seinen Fahrten mit dem Fulda-Mobil hängen. Damals, zwischen 1964 und 1966, besaß Seng die Betriebserlaubnis für das Mini-Auto und legte damit runde 60.000 Kilometer ohne jede Beanstandung zurück. "Ich kann mich noch gut an manche Feier erinnern, zu der uns das Fulda-Mobil mit sieben Mann Besatzung hinbrachte."

In diesen Tagen ist es rund 60 Jahre her, dass Autobauer Karl Schmitt seinen Plan vom Fulda-Mobil umsetzte. 1948 hatte der inzwischen verstorbene Fuldaer Tüftler und Diplom-Ingenieur Schmitt die Idee, ein Kleinauto zu bauen, das nicht nur robust, sondern auch für den Durchschnittsbürger erschwinglich sein sollte. Angetrieben wurde das Auto über das Hinterrad, später über ein hinteres Zwillingsrad. Auf diese Weise konnte Schmitt auf ein Differential verzichten, was sich im günstigen Preis von nicht einmal 3000 Mark niederschlug.

Gefertigt wurde die Karosserie zunächst aus Holz und Aluminiumblechen, später aus Glasfaserstoffen, die auch im Flugzeugbau Verwendung fanden. Der Kunststoff wurde über eine Form gegossen und war nach drei Stunden Trockenzeit fertig zur Weiterverarbeitung.

10-PS-Bolide

In einem zur Remise umfunktionierten Stall bei Friedrich Müller aus Burghaun (Kreis Fulda) steht heute noch ein erstaunlich gut erhaltenes Fulda-Mobil. Der rüstige Rentner schwingt sich hinter das Steuer und startet den Ein-Zylinder-Zweitaktmotor. Nach einem kurzen Quietschen knattert der 10-PS-Bolide mit ohrenbetäubendem Lärm los, hinter sich die charakteristischen blauen Auspuffahnen herziehend.

Immerhin 70 Stundenkilometer bringt Müllers 58 Jahre alter Oldtimer auf die Piste. Zwar lässt der dröhnende Motor im Passagierraum keinerlei Unterhaltung zu, doch sind die Fahrgäste ohnehin mit sich selbst beschäftigt, weil sie sich in jeder Kurve festhalten müssen, um nicht auf den durchgehenden Sitzbänken hin- und hergeschleudert zu werden.

Trotz des markerschütternden Lärms und der sehr sportlichen Blattfederung hat Oldtimerliebhaber Müller das Kleinauto nicht nur für Stadtfahrten genutzt: "Sie glauben ja gar nicht, was wir mit dem Fulda-Mobil alles an Touren unternommen haben. Wir sind damit regelmäßig in Urlaub gefahren, mit der ganzen Familie samt Gepäck." Zudem sei das Fulda-Mobil dem heutigen Wunsch nach einem Drei-Liter-Auto bereits sehr nahegekommen.

2,40 Mark Steuern

Dabei schwärmt Müller vor allem von den vergleichsweise geringen Kosten, die sein Kleinauto damals verursachte: "Ganze 2,40 Mark Steuern habe ich damals im Monat bezahlt und nur 5,80 Mark für die Haftpflichtversicherung." Auf 100 Kilometern kam der Zweitakter mit vier Litern Gemisch aus, und pro Reifen mussten gerade mal 26 Mark berappt werden. Und ab und zu kamen noch ein paar Blümchen für die Vase am Armaturenbrett dazu.

Das Fulda-Mobil, zwischen 1950 und 1969 gebaut, verschwand zu Beginn der 70er-Jahre mehr und mehr aus dem Straßenbild. Bei den wachsenden Ansprüchen der Bundesbürger in Sachen Komfort, Geschwindigkeit und vor allem Geräumigkeit konnte der Straßenfloh nicht mehr mithalten. Nach knapp 3000 ausgelieferten Fahrzeugen wurde die zum Zuschussgeschäft gewordene Produktion gestoppt.

Immerhin wurde das Fulda-Mobil später von vielen ausländischen Herstellern in Lizenz gebaut, darunter sogar vom britischen Renommierwerk Rolls Royce.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 60 Jahre Fulda-Mobil

(afp)