Deutsche sollen bis Ostern 2017 "Auto-Fasten" - sagen Grüne und Umweltbundesamt

Vorschlag von Umweltbundesamt und Grünen : Deutsche sollen bis Ostern "Autofasten"

Die Luft in den Städten ist belastet, vielerorts stehen Autofahrer im Stau und die Parkplatzsuche dauert oft ewig. Dennoch steigen nur wenige Autofahrer auf öffentliche Verkehrsmittel um. Das Umweltbundesamt und die Grünen raten den Bürgern zu einem radikalen Experiment.

Freiwilliges "Autofasten" von Aschermittwoch bis Ostern könne dazu motivieren, auch dauerhaft auf Bus, Bahn oder das Rad umzusteigen - der Umwelt zuliebe. Während der 40 Fastentage sollten die Bahn und regionale Verkehrsträger allen "Autofastern" Sonderrabatte gewähren, um neue Kunden anzulocken, sagten Katrin Dziekan vom Umweltbundesamt und der Grünen-Verkehrsexperte im Bundestag, Stephan Kühn.

Mit Bus und Bahn fahren, statt das Auto zu nehmen — das finden auch die Verkehrsbetriebe eine gute Idee. Allerdings sei es für besondere Rabatte für die "Autofaster" einen Tag vor Aschermittwoch zu kurzfristig, sagt der Sprecher der Rheinbahn. Und auch die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) und der Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) betonen, dass die Tarife durch langwierige Prozesse und am Ende von der Politik beschlossen würden. "Über Rabatte können wir nicht ad hoc alleine entscheiden. Dafür braucht es eine politische Entscheidung, die auch die Kommunen mittragen können", sagt der Sprecher des VRR.

Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) verweisen auf bereits bestehende Tickets, die die Autofahrer von der Straße auf die Schienen locken sollen. "Mit dem Handyticket fährt man ohnehin schon günstiger und auch Monatstickets bieteten sich an, wenn man auf das Auto verzichten will", sagt der KVB-Sprecher auf Anfrage unserer Redaktion.

So sieht es auch die Rheinbahn in Düsseldorf: "Die Idee, das Auto stehen zu lassen, finde ich charmant. Unser Sieben-Tage-Ticket ist günstiger als eine halbe Tankfüllung", sagt der Rheinbahn-Sprecher. Das sei besonders praktisch für Leute, die es erstmal mit einer Woche ohne Auto versuchen wollen. Für die, die länger fasten wollen, sei das Monatsticket etwa so teuer wie eine Tankfüllung.

"Autofasten" habe zwei Effekte für die Leute: Zum einen denke man, dass man es ohne Auto nicht schafft und merke so, dass es doch geht. Zum anderen könne man stolz sein, dass man auf das Auto verzichtet und etwas für bessere Luft getan hat, sagt der Sprecher der Rheinbahn. "Oft ist das Autofahren in Düsseldorf weder ein Zeit- noch ein Bequemlichkeitsvorteil ", sagt der Sprecher. Beim "Autofasten" könne man überprüfen, ob man das Auto nicht zumindest für solche Fahrten stehen lassen kann.

Auch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) unterstützt die Aktion. Es gehe nicht darum, das Autofahren gänzlich zu verbieten. "Aber wir können unsere Perspektiven ändern, wenn wir ganz bewusst und zumindest in der Fastenzeit auf andere Verkehrsmittel umsteigen", erklärte sie auf dpa-Anfrage.

Drei von vier Haushalten hierzulande haben mindestens ein Auto. Bundesweit gibt es rund 45 Millionen Fahrzeuge.

Ende Januar hatte das Umweltbundesamt mitgeteilt, dass auch 2016 die Luft in deutschen Städten zu stark mit Stickstoffdioxid belastet war. Schuld sind vor allem alte Diesel-Autos. Für Ozon und Feinstaub werden weiter die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Werte deutlich überschritten.

Angestoßen haben das "Autofasten" vor 20 Jahren die Kirchen. "In der Fastenzeit sind wir Christen aufgefordert, unsere Lebensgewohnheiten zu überdenken und zu überprüfen", sagte der Umweltbeauftragte des Bistums Mainz, Franz Hock, der dpa.

Auch der Verkehrsclub ADAC hat keine grundsätzlichen Einwände. Der freiwillige Autoverzicht müsse auch nicht auf die Fastenzeit beschränkt bleiben, sagte ADAC-Sprecher Andreas Hölzel. Vor allem kurze Strecken ließen sich auch gut zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen.

Für längere Distanzen brauche es aber konkurrenzfähige Alternativen. Er verwies auf eine ADAC-Umfrage, wonach viele Menschen bereit wären, auf Bus und Bahn umzusteigen - wenn die Fahrpreise niedriger wären, die Verbindungen schneller und zuverlässiger und das Tarifsortiment verständlicher.

Stefan Küper vom Umweltverband Germanwatch wendet ein, dass bei genauer Berechnung das Auto der eigentliche Kostentreiber sei. "Gerade bei Einbezug der Fixkosten wie Wertverlust des Wagens, Steuern, Versicherung, TÜV und so weiter fährt es sich mit Bus und Bahn in der Regel deutlich günstiger", sagte er der dpa. Zudem gebe es vielerorts gute Carsharing-Angebote. Auch er räumt aber ein: "Natürlich gibt es aber insbesondere auf dem Land Wohnlagen, in denen es ganz ohne Auto nur schwer geht."

Ähnlich sieht es der CDU-Verkehrsexperte Ulrich Lange. Beim Thema Autoverzicht komme es auf Realismus an. "Ich komme aus einem richtigen Flächenwahlkreis. In der Praxis stößt der Verzicht auf das Auto und der Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr für unsere Bürger und auch für mich dort auch an seine Grenzen."

Aufregung hatte zuletzt die Landesregierung in Baden-Württemberg mit ihrer Entscheidung ausgelöst, in Stuttgart ab 2018 an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung zentrale Straßen im Talkessel für viele Diesel-Fahrzeuge zu sperren. Der Städtetag erklärte, auch andernorts werde man an Fahrverboten wohl nicht vorbeikommen.

Das Umweltbundesamt erklärte, die vielen Staus könnten ein Indiz dafür sein, dass es zu viele Autos hierzulande gibt - ebenso wie die Umweltbelastungen durch Luftschadstoffe und Lärm. Blockiert würden auch wertvolle Flächen - durch Straßen und Parkplätze. "Weniger Autos würden daher unsere Städte lebenswerter machen. Hier würde es helfen, sich Autos zu teilen", erklärte UBA-Umweltexpertin Dziekan.

Gerade bei den Jüngeren hätten Pkw-Besitz und Pkw-Nutzung in den vergangenen Jahren abgenommen. Das heiße nicht, dass sie weniger mobil sind, sondern sie seien anders mobil. "Es bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklung anhält", sagte sie.

Hier geht es zur Infostrecke: "Autofasten" - was bringt der Verzicht aufs Auto?

(dpa)
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