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Auto: Diesel umrüsten auf Elektromotor

Umrüsten : Vom Diesel zum sauberen Stromer

Gebrauchtwagen mit Verbrennermotor lassen sich auf Elektroantrieb umrüsten. Ein Unternehmen aus Niedersachen hat sich darauf spezialisiert. Das könnte bei der Energiewende helfen.

An der Heckklappe steht noch TDI. Doch es hat sich ausgedieselt für den alten VW Bus. Im Motorraum nagelt kein Diesel mehr, der Multivan surrt nur noch. Umweltingenieur Nick Zippel hat mit seinem Team einen 20 Jahre alten VW T5 zum emissionsfreien Stromer gemacht. Dabei war der Kleinbus nach einem Motorschaden schrottreif. Doch der Einbau eines nagelneuen Elektroantriebs reanimierte den T5.

„Man spricht hier von Second Life“, erklärt Zippel. Der 49-Jährige ist Mitgründer von Naext Automotive. Die niedersächsische Firma will mit Elektroautos die Mobilitätswende voranbringen. Allerdings nicht mit Neuwagen. Sondern indem sie Gebrauchtwagen auf E-Antrieb umrüstet. Der Bedarf sei enorm.

Zwar steigt der Anteil elektroangetriebener Fahrzeuge bei den Neuzulassungen. Doch mit einer halben Million ist ihr Gesamtanteil am Pkw-Bestand in Deutschland gering. Die meisten der 48 Millionen Pkw sind Verbrenner. Ausrangierte Diesel und Benziner werden massenhaft nach Afrika oder Osteuropa exportiert, um dort die Umwelt mit Abgasen zu belasten.

Doch das Klimaproblem ist ein globales. Das Umbau-Konzept von Naext lehnt sich am Refurbishing an, das im Flugzeugbau gängig ist. Passagierjets werden nach etwa 15 Jahren komplett restauriert. „Die Leute denken dann, sie fliegen mit einem neuen Flugzeug“, erklärt Nick Zippel. So maßen die Naext-Ingenieure den Motorraum des T5 mit einem 3-D-Scanner aus, um den Elektroantrieb passgenau installieren zu können. Abgasanlage, Tank und andere überflüssige Bauteile flogen raus. Kupplung und manuelles Getriebe blieben. Der E-Bulli kommt auf 108 kW Leistung und bis zu 350 Kilometer Reichweite. Die Ladegeschwindigkeit liegt bei 11 kW. Potenzielle Kunden sieht Naext insbesondere bei kommunalen Betrieben mit großen Nutzfahrzeugflotten. So erwägt die Verwaltung der Stadt Köln, beträchtliche Teile der Dienstfahrzeuge auf Elektroantrieb umzurüsten. „Wir finden diesen Ansatz sehr nachhaltig“, sagt Christoph Schmitz vom Amt für Landschaftpflege und Grünflächen.

 Dieser VW-Bus fährt mit einem E-Antrieb. Er wurde umgerüstet. Auch mit anderen Fahrzeugen ist das möglich.
Dieser VW-Bus fährt mit einem E-Antrieb. Er wurde umgerüstet. Auch mit anderen Fahrzeugen ist das möglich. Foto: Haiko Prengel

Mit 900 Mitarbeitern ist es das größte kommunale Amt der Stadt, der Fuhrpark umfasst etwa 300 Kfz. Alle neu angeschafften Pkw sind laut Schmitz Elektroautos. Mit dem „Green City Masterplan“ will die Stadt Köln die Luft sauberer werden und nachhaltige Mobiltät gefördert werden. Das Problem im Grünflächenamt sind die Kolonnenfahrzeuge: Diesel-Kleintransporter – überwiegend auf Ford-Transit-Basis – mit Doppelkabine und Kipp-Pritsche. „In diesem Segment gibt es keine geeigneten Elektrofahrzeuge, und das wird auch in den nächsten Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit so bleiben“, sagt Christoph Schmitz. Die einzige Möglichkeit, solche Spezialfahrzeuge elektrisch zu fahren, sei die Umrüstung.

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So testeten Schmitz und seine Kollegen den vom Diesel zum Stromer umgebauten VW T5 der Firma Naext. Das Fahrzeug habe überzeugt, sagt Christoph Schmitz. Kommunalbetriebe benötigen keine E-Autos mit großer Reichweite, Kolonnenfahrzeuge sind meist nur im Stadtgebiet unterwegs. „Aufladen können wir sie über Nacht. Schnellladesäulen brauchen wir nicht, die normale Steckdose reicht“, so Schmitz.

Dass Umrüstungen von der Industrie durchaus machbar wären, zeigt Volkswagen. Offiziell bietet der Konzern von der neuesten Transporter-Generation T7 keine Elektro-Version an. Doch auf besonderen Wunsch macht VW Nutzfahrzeuge elektrifizierte Varianten von VW Caddy und Transporter T6 möglich: Seit 2019 liefert der Hersteller Basisfahrzeuge an Haustuner ABT, um sie dort zum „umweltfreundlichen Stromer“ umbauen zu lassen.

In größerem Stil will VW Umbauten jedoch nicht fördern. „Die Komplexität zur Umrüstung bereits zugelassener Verbrenner-Fahrzeuge dürfte immens sein“, sagt ein VW-Sprecher. Viele Fragen seien ungeklärt – etwa wer die Verantwortung für die Ersatzteilversorgung trage oder wer die Garantie/Gewährleistung für ein umgerüstetes Fahrzeug übernehme.

Zumal die Umrüstung zum Stromer nicht billig ist. Für den Umbau ihrer Ford Transit Diesel müsste die Stadt Köln der Firma Naext Automotive je Umbau-Kit etwa 30.000 Euro zahlen. Dazu kommen die Arbeitskosten für die Umrüstung selbst, den Kommunalbetriebe allerdings in den eigenen Werkstätten oft selbst durchführen können. Neu koste ein Kolonnenfahrzeug (mit Verbrennermotor) 65.000 bis 70.000 Euro, sagt Fahrzeugtechnik-Leiter Christoph Schmitz.

Die größte Schwachstelle ist der technische Zustand. Gebrauchtwagen können je nach Laufleistung und Alter beträchtlichen Verschleiß und überdies Korrosion aufweisen. „Um den Elektroantrieb mache ich mir keine Sorgen“, sagt Christoph Schmitz. „Aber die große Frage ist: Halten auch Chassis und das Fahrwerk ein zweites Leben aus?“

In diesem Jahr möchte Naext Automotive den Preis für den Umbau-Kit auf unter 20.000 Euro drücken. Rentieren soll sich die Umrüstung auf Elektroantrieb mittelfristig nicht nur ökologisch, sondern auch finanziell. Noch attraktiver könnte das Modell werden, wenn es öffentliche Zuschüsse gäbe. Doch bislang gibt es den Umweltbonus, den die Bundesregierung für den Umstieg auf Elektroantrieb zahlt, nicht für umgerüstete Autos.