Kolumne "Gott und die Welt": Das kleine Lob der Stadtpläne

Kolumne „Gott und die Welt“ : Kleines Lob des Stadtplans

Navis sind eine große Hilfe – und machen uns ein bisschen blind und dumm.

Laut darf man das eigentlich gar nicht sagen, wie viele von uns früher durch fremde Städte gegurkt sind. Wer allein im Auto saß, hatte den Stadtplan manchmal auf den Knien liegen und schielte im dick­sten Innenstadtverkehr kurz aufs grafische Wege-Gewirr – in der bescheidenen Hoffnung, sich orientieren zu können. Eine halsbrecherische Angelegenheit. Eigentlich ist es aus heutiger Sicht ein Wunder, dass wir solche Odysseen unbeschadet überstehen konnten.

Ohnehin waren die kleingedruckten Straßennamen kaum zu entziffern. Diesen Irrungen hat die Digitalisierung ein Ende bereitet. Mit Navis ist jede Orientierung nicht nur viel sicherer geworden, sondern wahrscheinlich auch zielführender. Wer verfährt sich denn heute noch so richtig?

Die Klagen über den Untergang der Stadtpläne sind aus guten Gründen eher leise und vor allem nostalgisch motiviert. Dazu gehört die Erfahrung, dass kaum jemand den entfalteten Plan wieder korrekt zusammenlegen konnte. Irgendwie friemelte man am Ende das Papier auf eigene Weise zusammen. Beklagenswert bleibt lediglich, dass das Navi uns für die Stadt blind und auch ein bisschen dumm gemacht hat; also für die Struktur von Städten, und was man aus ihr ablesen kann. Zum Beispiel der Kern der Altstädte, der auf dem Plan viel kleinteiliger ist und oft umgeben von krummen Grünanlagen. Dort standen einst die Mauern der Stadt, die man abgerissen hatte und deren Flächen begrünt wurden. Stadtpläne erzählen Geschichte und Geschichten. Sie machen unser Leben auch als Labyrinth anschaulich. Navis haben dafür keinen Sinn. Sie führen uns auf kürzesten Wegen ganz sicher zu dem Ort, den wir eingetippt haben. „Der Weg ist das Ziel“, hieß es früher. Ein nettes Bekenntnis zu Umwegen. Das Navi kennt nur noch den Weg zum Ziel.

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