"Ich war doch nicht blöd" von Walter Gunz: Zwischen Goethe und Media Markt

"Ich war doch nicht blöd" von Walter Gunz: Zwischen Goethe und Media Markt

Walter Gunz, Mitbegründer des Elektronikriesen Media Markt, hat ein Ratgeber-Buch herausgebracht.

Wir treffen uns auf einer Hotelterrasse in Düsseldorf, den Kö-Bogen vor uns, das Steigenberger im Rücken. Walter Gunz nähert sich schnellen Schrittes, er fällt im Großstadt-Gewimmel nicht auf. Groß und schlank ist er, hat graubraune Haare, blaue Augen; er trägt ein blaues Hemd. "Ich bin ein blauer Typ, ein Hinhörer", sagt der 67-jährige Münchner auf seine Fähigkeit zur Empathie anspielend.

Aus seiner Aktentasche hat er ein iPad herausgezogen, um Fotos zu zeigen. Selbstverständlich kaufe er Elektroartikel heute noch bei Media Markt, obwohl er sich 2000 von seinem Unternehmen gelöst hat. "Der Media Markt war mein Baby", sagt Gunz, der in Rottach-Egern und Marokko lebt. Später erzählt er von der Gründung des Elektronikriesen, 1979 in München, der den Handel revolutionierte und mit einem Slogan wie "Ich bin doch nicht blöd" aufs Massengeschäft spekulierte. Warum schreibt einer, der im Leben fast alles erreicht hat, ein Buch? Und was soll man von dem Buch erwarten, dessen Titel marktschreierisch "Ich war doch nicht blöd" lautet?

Schnell ist ein tiefgehendes Gespräch im Fluss, über Goethe und Lao-Tse, über die Mentoren Friedrich Weinreb und Johannes-Ludwig Schmitt, über den "Kleinen Prinzen", über Gott und Allah. "Ich will kein Einäugiger sein", sagt er. Er lese im Jahr an die 30 Bücher, das sei sein Kapital. "Dieses Buch zu schreiben, war mir nicht ein literarisches Anliegen", sagt er, "sondern ein intellektuelles". Im Yoga habe er gelernt, dass man das am meisten üben soll, was man am schlechtesten kann. "Das Buch war eine solche Übung für mich". Wie um das Gesagte zu untermauern, biegt er seine Beine in den Lotus-Sitz. Walter Gunz ist extrem. Als Sammler von Gedanken und Ideen outet er sich. 60 Prozent seiner Ausführungen im Buch seien Plagiate, "es geht mir nicht ums Erfinden, sondern ums Finden!"

Sein Buch versteht der Selfmade-Unternehmer, der bei Karstadt als frustrierter Abteilungsleiter auf die Idee kam, etwas Neuartiges zu erschaffen, als Ratgeber. Stimmig ist das, was er sagt und schreibt: Hier vertritt einer glaubwürdig unerwartete Ansichten, predigt Liebe und Demut, setzt Führen mit Dienen gleich und Dienen mit Führen.

Sein Buch ist keine Biografie, und doch erfährt man Persönliches: Dass er als kleiner Junge in arme Verhältnisse hineingeboren wurde. Als Schüler interessierte ihn nichts außer Religion. Die Begegnung mit einem Heiler beförderte sein Interesse an spirituellen Fragen. Mit elf wollte er Archäologe werden, aber er wurde zum Kaufmann bei Karstadt ausgebildet, später dort Abteilungsleiter; vieles störte ihn an dem hierarchischen Gefüge, an der Unfreiheit des Einzelnen. Obwohl er eigenwillig führte, war er erfolgreich. Dennoch kündigte er 1978, um sich selbstständig zu machen. "Von der Knechtschaft in die Freiheit" überschreibt er den Weg, ein Jahr später wurde Media Markt eröffnet.

Gunz gibt eine Rezeptur der guten Führung aus: Es braucht Freiheit und Kreativität, Empathie, Vertrauen und Liebe. Davon ist er überzeugt. "Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich" — diesen Satz von Lao-Tse vertritt er. Wenn einer behaupte, "jeder ist ersetzbar", dann behaupte er das Gegenteil. Jeder Mitarbeiter soll sich materiell und geistig beteiligen können am Erfolg seines Unternehmens. Führung beschreibt Gunz idealistisch. Der Autor bekräftigt, all dies genauso beherzigt zu haben. Einzig seine Ungeduld habe ihm mal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Für den von einem Werber für Media Markt entwickelten Slogan "Ich bin doch nicht blöd" habe er keine Mehrheit gefunden, da musste er ausnahmsweise im Alleingang entscheiden. Wie sich herausstellte, zum Wohl des Unternehmens.

Neben Ausflügen in Politik und Philosophie kehrt Gunz immer wieder zum Kern seines Denkens und Reflektierens zurück, zu seinem Glauben an die göttliche Fügung, dass uns Gott oder Allah in allem begegne. Der äußere Erfolg, sagt er — Geld und Macht — ist kein Geschenk, sondern eine Prüfung. Jeder solle den Augenblick nutzen und sich dem Leben öffnen. "Nimm den Moment liebend ernst und gestalte dein Leben und die Welt!"

Die Autonomie der eigenen Entscheidung ist für Walter Gunz ein hohes Gut, er hat sich nach dem Rückzug aus dem aktiven Unternehmerleben ein zweites Leben in Marokko verordnet: in einem Haus mit uralten Bäumen, Papageien, einem Hengst und Windhund. Das größte Vergnügen bereitet Gunz, auf dem Markt von Marrakesch Tiere in Käfigen zu kaufen, um diese dann später in die Freiheit zu entlassen.

"Es muss doch noch etwas anderes geben als Horror und ,Feuchtgebiete'", sagt er. Warum so wenig über Idealismus geschrieben werde? Er wehrt sich gegen die Lust am Untergang. "Die Boulevardisierung des Alltags nimmt uns die Hoffnung auf das Gute!" Sein Buch soll ein kleiner Beitrag dazu sein, diese Hoffnung wieder zu gewinnen.

(RP)