Mönchengladbach: Zwei jüdische Schicksale

Mönchengladbach: Zwei jüdische Schicksale

Die ergreifenden Lebensgeschichten zweier Juden aus Mönchengladbach hat RP-Redakteur Holger Hintzen recherchiert und in seinem jetzt erschienenen Buch gegenübergestellt: von Paul Raphaelson, dem jüdischen Kapo, und Hans Jonas, dem bewaffneten Philosophen.

Dieses Buch erzählt die dramatische Geschichte zweier Männer: zweier Juden, deren Leben Anfang des 20. Jahrhunderts im gesellschaftlichen Gleichschritt beginnt – denn Sprösslinge wohlhabender Textilfabrikanten aus Mönchengladbach sind beide. Bis sie ins Räderwerk der Geschichte geraten und das eine Leben zu einer Art Heldengeschichte wird, das andere tragisch und in schuldhafter Verstrickung endet. Das historische Werk als berührendes Drama verdanken wir der akribischen Forschung von RP-Redakteur Holger Hintzen; fünf Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, recherchierte im Stadtarchiv von Mönchengladbach, in Wien, Prag und London.

Beginnen wir mit dem gelungenen, geglückten und auch bekannteren Lebenslauf. Das ist der des Philosophen Hans Jonas ("Das Prinzip Verantwortung"), der mit dem finanziellen Rückhalt der Familie an vielen deutschen Unis studieren kann, der bei Husserl und Heidegger hört und sich mit Hannah Ahrendt anfreundet. Jonas ist auch überzeugter Zionist, der 1935 – als in Deutschland die Repressalien gegen Juden schlimmer werden – nach Jerusalem auswandert. Jonas wird 1944 als Soldat zurückkehren, und weil es das Land jener Menschen ist, die seine Mutter im KZ ermordeten, ist es eine Wiederkehr aus Rache. Er sehnt sich danach, "mit Deutschland abzurechnen". Mit "Dies ist unsere Stunde, dies ist unser Krieg" versucht er, die Juden zu den Waffen zu rufen.

Im Juli 1945 wird Jonas in der Uniform eines Sergeanten der "Jewish Brigade" auch in seine frühere Heimatstadt Mönchengladbach wiederkehren und dort einen Bekannten aus Jugendtagen zum Mittagessen treffen. Das ist der 39-jährige Paul Raphaelson. Ein offenbar glücklicher, kaum zu glaubender Zufall, denn Raphaelson schien viele Jahre keineswegs auf der Siegerstraße des Lebens zu stehen. Und das ist im Buch von Holger Hintzen die andere, tragische Lebensgeschichte. Jonas weiß nicht, dass er beim Mittagstisch nicht nur einem Überlebenden der Shoah gegenübersitzt, sondern auch einem, der wohl Schuld auf sich geladen hat.

Als Raphaelson im Juli 1942 aus Mönchengladbach ins Konzentrationslager von Theresienstadt deportiert wird, liegt eine erste Leidensgeschichte bereits hinter ihm. Sie beginnt mit dem Tod seines Vaters 1914, mit Armut und fehlender Perspektive. Er ist 14 Jahre alt, als er die Schule abbricht. Mit Gelegenheitsjobs hält er sich über Wasser. Paul Raphaelson verbringt einige Monate auch in Erziehungsanstalten. Er arbeitet zwischenzeitlich gar als Diener des städtischen Orchesters in Mönchengladbach, also jenes Ensembles, dessen Ursprung einst dem Engagement seines Vaters zu verdanken ist.

Raphaelson hat auch früh zu leiden unter den Nazis. Weil er mit einer Christin verheiratet ist, denunziert ihn das Naziblatt "Stürmer" wahlweise als "Rassenschänder" und "Frauenschänder". Sogar seine Privatanschrift veröffentlicht das braune Blatt.

Doch das Konzentrationslager in Theresienstadt sowie das zwischenzeitliche Arbeitslager in Wulkow kann Paul Raphaelson überleben. Wie durch ein Wunder? Vor allem wohl durch sein Verhalten. Denn er beginnt, sich mit den Zuständen im KZ zu arrangieren, vor allem mit den Mächtigen dort. Raphaelson wird sogenannter Funktionshäftling, ein Kapo, der manche Befehle der SS ausführt und dafür belohnt wird mit einem eigenen Zimmer, mit ordentlichem Essen, mit Zigaretten und Luxusgütern. Er soll sich sogar, das werden später Mithäfltinge behaupten, einen Ledermantel mit militärischem Schnitt und Achselklappen zugelegt haben. Spätestens das ist die Verwandlung des Paul Raphaelson – jene vom Opfer zum Mittäter. Er misshandelt andere Juden, entzieht ihnen das Essen und soll sogar ihm unliebsame Mithäftlinge für die Deportation in ein Vernichtungslager vorgeschlagen haben. Das alles weiß Hans Jonas bei seiner Begegnung mit ihm 1945 nicht; auch die Mönchengladbacher haben davon keine Kenntnis. Nur so ist der kurze Aufstieg des Paul Raphaelson zu erklären. Er wird in seiner Heimatstadt Leiter der Betreuuungsstelle für ehemalige Häftlinge, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und sogar Ratsherr. Alles scheint sich für ihn jetzt doch noch zum Guten zu wenden. Doch dieser Traum währt nur elf Monate. Bis die Informationen über den Kapo an den Niederrhein gelangen, bis die Briten ihn verhaften und an die Tschechen ausliefern. Der Prozess ist kurz: Am 30. April 1947 wird Paul Raphaelson zum Tode verurteilt, wird ein Gnadengesuch abgelehnt und der Verurteilte im Gefängnishof erhängt. Rund 60 Jahre später wird Holger Hintzen (48) in Prag auf ein schauriges Dokument stoßen: auf die Schlinge der Hinrichtung, aufbewahrt in einer braunen Papiertüte, die Paul Raphaelson selbst unterschrieben hat.

Was für eine bedrückende Geschichte. Und welche unangenehmen Fragen sie an uns richtet. Danach, wie wir uns unter solchen Extrembedingungen verhalten hätten. Und wie stark unsere moralische Konstitution ist. Dieses glänzend erzählte Buch beantwortet die Fragen aus guten Gründen nicht. Es liefert uns stattdessen packende, auch quälende Geschichten zweier Menschen. Am Ende bleibt somit die große Frage, mit der dieses überaus lesenswerte und wichtige Buch beginnt: "Welche Moral gilt in der Hölle?"

(RP)
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