Zwei Fotografen, ihre WG und eine lange Freundschaft

Zwei Fotografen, ihre WG und eine lange Freundschaft

Duisburg/Düsseldorf Seit fast 40 Jahren sind sie Freunde, die beiden Fotografen Andreas Gursky und Ulrich Hensel. Der eine ist weltberühmt, der andere (noch) nicht. Letzterer stellt demnächst im Duisburger Lehmbruck-Museum seine "Baustellen-Bilder" aus.

Die Divergenz ihrer Erfolgskurven hat der Freundschaft keinen Abbruch getan. Wilde Sachen haben sie einst durchlebt, sagen sie. So etwas schweißt zusammen. Gursky meint zu Hensel, der – anders als der Becher-Meisterschüler – Autodidakt ist: "Du bist kein Praktiker, das war schon in unserer Wohngemeinschaft am Fürstenplatz so. Wir hatten zwar einen gemeinsamen Herd, aber ich habe gekocht." Kein Praktiker zu sein – das bedeutet eine außergewöhnliche Vorgehensweise anzuwenden, um Fotografien zu machen. Hensel ist ein Suchender und ein Entdecker ungeplanter Kunstaugenblicke. Er wartet auf den perfekten Moment, den er allein den Bauarbeitern verdanke. "Sie machen die Kunst, ich sehe ja nur." Hensel versteht sich als ein Regisseur seiner Arbeiten, die ausschließlich auf Düsseldorfer Baustellen entstehen. Nur abdrücken – das erledigt ein anderer für ihn. "Ich habe immer einen Kameramann dabei", sagt der 65-Jährige, "ich bin kein lonesome Cowboy." Für Andreas Gursky unvorstellbar.

Es gab einst große Kontroversen zwischen den Künstlerfreunden. "Ich wollte ihn zur Räumlichkeit bringen, denn seine Bilder sind sehr flächig angelegt", erzählt Gursky im kleinen Kreis von Kunstfreunden, die sich im Lehmbruck-Museum eingefunden haben. "Aber ich wollte ja ganz weg vom Bild", kontert Hensel, "vom Bild zum Abbild". Gursky gibt schließlich zu, in letzter Zeit habe er sich selber wieder mehr zur Fläche hin bewegt. Und so stehen sich zwei sich ähnelnde Werkzyklen gegenüber: Hensels unmanipulierte Bilder, Gurskys malerische Landschaften, die oft als subjektive Topographien ausfallen.

Die WGs der 1980er Jahre waren künstlerische Keimzellen. Der Gasherd aus der gemeinsamen Wohnung, in der auch Medizinstudenten wohnten, wurde weltberühmt. Ein ganz einfacher Herd mit drei Flammen und einem Abstellrost war es – im Besitz der Wohnungseigentümer. Warum er ihn damals fotografierte, weiß Andreas Gursky nicht mehr. Nur, dass er ihn von Gebrauchsspuren so weit wie möglich befreite und allen Dreck abkratzte. Bevor er ihn schließlich aufnahm, inszenierte er diesen armseligen Küchenherd als Objekt und zündete die Flammen an. Die Altersspuren sind noch zu sehen. "Das hätten Bernd und Hilla Becher niemals getan", sagt Gursky. "So begann ich mich damals von meinen Lehrern zu emanzipieren." Jahrzehnte später hat der Künstler dieses Bild wieder entdeckt und es erstmals 2008 in der Krefelder Ausstellung in Haus Lange und Haus Esters präsentiert.

Als sich die Wohngemeinschaft auflöste, ging es mit Gursky schon ständig bergauf. Der Gasherd blieb da, wo er hingehörte. Und es waren des Künstlers Argumente, mit denen sich die Freunde beim Auszug aus den Beschwerden der Vermieter heraus lavieren konnten. "Hier ist doch alles wunderbar in Ordnung", sagte Gursky, "ich habe ein fotografisches Auge dafür."

(RP)
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