Dormagen: Zons zeigt, wie Dornröschen zum Jugendstil-Motiv wurde

Dormagen : Zons zeigt, wie Dornröschen zum Jugendstil-Motiv wurde

Vor über 200 Jahren veröffentlichten Jacob und Wilhelm Grimm den ersten Band ihrer Märchen. Heute dürfte es hierzulande kaum ein Kind geben, das die Geschichte von Dornröschen oder Schneewittchen nicht kennt. Kein Stoff hat die Populärkultur so nachhaltig inspiriert, wie Grimms Märchen. Doch die ästhetische Eroberung der Kinderzimmer sollte erst um 1900 geschehen, wie die neue Schau "Grimms Märchen und der Jugendstil" im Kreismuseum Zons dokumentiert.

Kunst galt dem Jugendstil als ganzheitlicher Lebensentwurf – Zeitschriften wie "Jugend", die "Münchner Illustrierte für Kunst und Leben", die der Kunstbewegung in Deutschland ihren Namen gab, prägten den ästhetischen Stil in nahezu allen Lebens- und Kunstbereichen. Zeitgleich rückten Kinder und ihre Bedürfnisse in den Blick der Öffentlichkeit. Kunst wurde zum pädagogischen Instrument und Zeitschriften wie "Kind und Kunst" stärkten den Glauben an eine beinahe magische Wirkung der Kunst auf Kinder zur "Steigerung ihrer Fähigkeiten".

Die Vertreter des Jugendstils entdeckten die Gestaltung von Kinderzimmern, Spielzeug und vor allem auch von Kinderbüchern für sich, die die Verlage nun in großen Auflagen publizieren konnten, da die Urheberrechte der Grimms 1893 erloschen waren. Die wichtigsten Jugendstilgrafiker verhalfen den Märchen zu breiter Aufmerksamkeit; Märchenbücher wurden Kunst.

Dabei zeigen Exponate wie die aus Flensburg geliehenen Wandteppiche der berühmten Scherrebeker Webschule, welche Mélange Jugendstil-Künstler wie der hanseatische Kaufmannssohn Heinrich Vogeler eingingen. Die Dornröschen-Illustration vereint das für den Jugendstil typisch Ornamentale mit der Faszination für das Mittelalter und mit Elementen des Japonismus. Der Szene, die den Moment darstellt, kurz bevor der Prinz die schlafende Prinzessin küsst, wohnt eine unbekannte Alte bei, deren Fratze anmutet wie eine Maske aus dem japanischen Nô-Theater.

So erinnern einige der Illustrationen, die die sinistre, ja brutale Seite der Volkslegenden zeigen, denn auch daran, dass Grimms Märchen trotz ihrer Naivität ursprünglich keineswegs für Kinder geschaffen wurden, sondern das Denken einer längst vergangenen Kultur widerspiegeln.

(RP)
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