Jil Sander wird 80 Die Königin des Weglassens

Düsseldorf · Wer in den 1980er-Jahren einen Kaschmirmantel und einen smarten Blazer von Jil Sander erwarb, wirkt damit auch heute nicht aus der Zeit gefallen. Ihr Handwerk lernte die Designerin in Krefeld. Am 27. November wurde sie 80 Jahre.

Die deutsche Modedesignerin Jil Sander wird 80 Jahre alt
5 Bilder

Bilder aus dem Leben von Jil Sander

5 Bilder
Foto: dpa

Wirklich bekannte Menschen, so schrieb einst ein kluger Kopf, bräuchten das Attribut „berühmt“ nicht vor ihrem Namen, denn kein Mensch spricht vom berühmten Shakespeare, dem berühmten Dramatiker Schiller und der berühmten Musikerin Madonna. Jil Sander besteht diesen Test. Ihr Name steht für sich und für klassische Mode, schnörkellose Schnitte, hervorragende Stoffe, eine unbeirrbare Designerin und eine entschlossene Unternehmerin.

In der Zeit ihres Aufstiegs war Jil Sander die Minimalistin unter den Modemachern. In einer Welt des Auffälligen trumpfte sie mit klaren Schnitten, edlen Stoffen und dezenten Farben auf. Mit 24 Jahren eröffnete sie ihre erste Boutique in Hamburg-Pöseldorf. Von dort aus trug die Pionierin des Purismus ihren Stil in die ganze Welt: zu den großen Schauen in Paris und Mailand, in die Modemetropolen von New York bis Tokio.

Anders als viele (männliche) Kollegen zog es sie nie ins Rampenlicht. Der Laufsteg war nicht ihr liebster Aufenthaltsort. Lieber suchte sie sich für ihr Leben unerschlossene Pfade: Lange bevor es in der Branche üblich war, lancierte sie ihr eigenes Parfum; 1989 führte sie als erste Frau in Deutschland im Vorstand eines Aktienunternehmens ihre Firma an die Börse. Ihr Spitzname: „Queen of less“ – Königin des Weglassens.

Ihr Stil beeinflusst Designerinnen und Designer bis heute: etwa Peter Do, Phoebe Philo oder den Schwestern Mary-Kate und Ashley Olsen mit ihrer Marke „The Row“. Sie stehen in der Tradition des Mode-Minimalismus.

Geboren ist Heidemarie Jiline Sander in Hedwigenkoog in Schleswig-Holstein. Aufgewachsen ist sie – vermutlich mit einer älteren Schwester und einem Halbbruder – in Hamburg. Die Journalistin Maria Wiesner hat in ihrem gerade erschienenen Buch „Jil Sander. Eine Annäherung“ den Lebens- und Karriereweg der Modedesignerin nachgezeichnet. Sie hat mit vielen beruflichen Weggefährten gesprochen, ordnet etwas ausschweifend und ehrfurchtsvoll Sanders künstlerisches und unternehmerisches Handeln ein, bewahrt aber respektvoll ihre Privatsphäre. Kein leichter Balanceakt.

Jil Sanders Wurzeln liegen – das sagte die pressescheue Hamburgerin mehrfach – in der Kunstrichtung Bauhaus. Nach ihrem Schulabschluss absolvierte sie ein Studium an der Staatlichen Ingenieurschule für Textilwesen in Krefeld. Die Stadt am Niederrhein war in den 1950er-und 1960er-Jahren geprägt durch diese Design- und Architekturrichtung, die sich der Klarheit, der Sachlichkeit und Funktionalität verpflichtet hat. Die Häuser von Architekt Mies van der Rohe sind bis heute über Krefelds Grenzen hinaus bekannt. Damals, als Jil Sander zu studieren begann, hatten viele Bauhaus-Anhänger eine Anstellung an der Hochschule.

In Krefeld lernte Sander: Form folgt Funktion. Ihren Grundsatz münzte sie in Mode um. Sie nahm die Trägerinnen ihrer Mode in den Blick: berufstätige, unabhängige Frauen, die ihr eigenes Geld verdienten und eine Garderobe wünschten, in der sie elegant und selbstbewusst aussahen und nicht wie das dekorative Anhängsel eines wohlhabenden Ehemanns. Ihre Blazer und Hosenanzüge sollten den Frauen Selbstbewusstsein geben und die Freiheit, sich mühelos elegant und edel anzuziehen. Ein feministischer Ansatz.

Und ein nachhaltiger. In einer Zeit, als der Begriff Nachhaltigkeit nur im Wörterbuch vorkam, setzte sie auf Qualität statt Quantität. Ihre Blazer, Hosenanzüge, Mäntel sind zeitlos. „Den Preis vergessen Sie, die Qualität nie“, sagte Sander in 1990er-Jahren in einem Interview mit der „Vogue“.

Ihre Kleidungsstücke sind leicht zu kombinieren, angenehm zu tragen und strahlen Klasse aus. In Hosenanzügen von Jil Sander war frau vielleicht (noch) nicht die Chefin, aber sie sah so aus. „Mode kann stark machen und hilft in Situationen, in denen man sich vielleicht unwohl fühlt“, sagte Sander 2017 einem Fernsehreporter bei der Eröffnung ihrer Ausstellung „Präsens“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt.

1999 führte Jil Sander ihr Unternehmen mit Prada zusammen. Doch nur wenige Monate später verließ Sander die Firma – angeblich wegen Differenzen mit dem Prada-Geschäftsführer. Sie zog sich zurück auf ihr Anwesen in Plön. Noch zwei Mal kehrte sie für kurze Zeit als Chefdesignerin zurück: 2003 bis 2005 und 2012. 2013 nahm sie endgültig Abschied von ihrer eigenen Modemarke aus persönlichen Gründen. Ihre langjährige Lebensgefährtin war an Krebs erkrankt. Sander begleitete sie, bis zu ihrem Tod, 2014.

Heute gehört die Marke Jil Sander nach mehreren Eigentümerwechseln zum italienischen Luxusmode-Konzern OTB. Lucie und Luke Meier sind die Chefdesigner. Jil Sander selbst ist nicht mehr für ihre eigene Marke aktiv.

Ruhiger mag es um die Modedesignerin geworden sein. Laut Buch-Autorin Wiesner hat sie Yoga für sich entdeckt. Sie unternimmt Reisen, aber auch immer wieder kreative Ausflüge in die Modebranche. 2009 bis 2011 war sie als Beraterin für die japanische Bekleidungskette Uniqlo tätig, die, 1974 gegründet, als weltweit größtes Fast-Fashion-Unternehmen mit schnellen, günstigen Kollektionen gilt. Sie kreierte die leichten Daunenjacken, inspiriert von der funktionalen Outdoor-Kleidung für Bergsteiger. 2020 kehrte zu Uniqlo zurück für eine weitere +J-Kollektion. Als Inspiration nannte sie die Natur und ihren Garten. In der „Vogue“ sagte sie über ihre Uniqlo-Comeback-Kollektion: „Die Rhythmen der Natur ähneln denen der Mode. Wie im Garten ist man auch in der Mode immer auf der Suche nach der Essenz des Augenblicks.“

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort