1. Kultur

„Zdenek Adamec“, das Stück des umstrittenen Autors Peter Handke

Schauspiel-Premiere : Peter Handke erforscht einen Suizid

„Zdenek Adamec“, das neue Stück des umstrittenen Autors, wurde bei den Salzburger Festspielen im dortigen Landestheater uraufgeführt.

Im Salzburger Landestheater sieht es im Saal weitaus luftiger aus als in der riesigen Felsenreitschule bei Strauss‘ „Elektra“: Im knapp 700 Zuschauer fassenden Saal des neobarocken Theaters sind die Corona-Abstände beruhigend großzügig bemessen, auch vor dem Haus und im Foyer kommt es nicht zu den gefürchteten Verdichtungen. Die Uraufführung von „Zdenek Adamec“ musste aus Kapazitätsgründen für Publikum und Presse entzerrt werden, daher gibt es eine Voraufführung, bei der für Festspielverhältnisse nun eine ungewöhnlich lockere, gelassene Stimmung herrscht.

Für die Uraufführung am nächsten Abend haben sich allerdings einmal mehr die „Mütter von Srebrenica“ zu einer Protest-Demo angesagt, der Nobelpreisträger ist eben nach wie vor eine höchst umstrittene Figur. „Eine Szene“ hat Peter Handke sein neues Werk lapidar untertitelt, als Buch ist es bereits erschienen, in Salzburg kommt eine leicht gekürzte Fassung des Textes auf die Bühne des Landestheaters.

In „Zdenek Adamec“ gibt es keine festgelegten Rollen, Handke erzählt auch keine Geschichte, sondern kreist in bildreichen Abschweifungen und teils skurrilen Assoziationen um die Selbstverbrennung des 18-jährigen Zdenek Adamec auf dem Prager Wenzelsplatz im März 2003, die dieser als Protest über den Zustand der Welt verstanden wissen wollte, wie er in einem Abschiedsbrief bekannte.

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Es beginnt mit lässiger Bar-Musik einer dreiköpfigen Band, die im Laufe des etwa zweistündigen Abends immer wieder Brücken zwischen den lose gefügten Textblöcken schlägt. Ulrike Gutbrod hat eine metallene Bogenkonstruktion auf die Drehbühne gesetzt, die eine Markthalle, ein Caféhaus oder ein Refektorium überwölben könnte; nach und nach trudeln wie zufällig drei Schauspielerinnen und vier Schauspieler ein und fangen an zu reden. Mal wenden sie sich einander zu, mal ziehen sie sich in lange Monologe zurück, mal fallen sie einander ins Wort. Sie reden über Zdenek Adamec, wie und wer er gewesen sein könnte, sie sammeln Fakten und überbieten einander mit Vermutungen über seine Tat.

Ganz allmählich kristallisieren sich Charaktere und Haltungen heraus. Am klarsten bei Hanns Zischler, der als ruhender Pol und Grandseigneur auf Fakten pocht. Vor Energie vibrierend dagegen irrlichtert der Düsseldorfer Star-Schauspieler André Kaczmarczyk in weit flatternden Gewändern und mit Vogelfeder im Haar über die Bühne. Wie eine schillernde Mischung aus Shakespeares Puck und einer somnambulen Kleist-Figur kommt er einer geträumten Version des Zdenek Adamec gefährlich nahe, um im nächsten Moment dessen Schein-Identität gleich wieder abzuwerfen.

Regisseurin Friederike Heller hat gar nicht erst versucht, die höchst unterschiedlichen Persönlichkeiten ihres Ensembles auf eine gemeinsame Gangart einzuschwören. Im Gegenteil, jeder spielt auf seine Weise und mitunter auch bewusst übertrieben erkennbar Theater. Dadurch entsteht eine Art Überdeutlichkeit, eine theatrale Überbietung von Handkes fragilem, versonnenem auch zart humorigem und selbstironischem Text, die er in seiner Musikalität und Dichte gar nicht nötig hätte. Da wäre weniger sicher mehr gewesen.