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Xavier de Maistre und sein Buch "Reise um mein Zimmer"

Wiederbegegnung mit einem Klassiker : In Klausur auf Reisen gehen

Das Buch zur Zeit: Xavier de Maistre schrieb im Hausarrest „Reise um mein Zimmer“.

Natürlich ist es nicht dasselbe, aber ein bisschen fühlt sich das alles gerade schon so an wie: Hausarrest. Dass dieser Zustand aber auch seine guten Seiten hat und dass man sogar in Klausur reisen kann, zeigt das Beispiel des französischen Schriftstellers Xavier de Maistre. Der lebte von 1763 bis 1852, er war viel unterwegs, sogar mit der Montgolfière ist er gefahren, aber dann hat er Mist gemacht: Er hat sich duelliert. Also wurde er zu sechs Wochen Hausarrest verurteilt, abzusitzen in seiner Dachgeschosswohnung in Turin. Erstmal nicht so schön zwar für einen weltläufigen Bürger, doch de Maistre hat das Beste draus gemacht, weswegen er uns heute wieder einfällt.

„Reise um mein Zimmer“ nannte er den Bericht, den er in der Zeit der geschlossenen Türen verfasste und 1794 veröffentlichte. 42 Kapitel hat der Text, ebenso viele Tage hatte der Arrest. De Maistre imitiert die Stilmittel der Reiseliteratur, er geht auf Expedition und bricht vom Sessel am Kamin auf zum Bett und von dort zum Schreibtisch und wieder zurück. Er beschreibt die Raffael-Reproduktion, die an seiner Wand hängt, er besucht die großen Denker in seiner Bibliothek, Homer, Vergil und Milton, und einmal dringt er in ein Bergwerk vor: In den Tiefen seines Schreibtisches lagern Briefe aus der Jugendzeit; die liest er noch einmal.

Der Text ist ziemlich charmant und wirkt immer noch frisch. Auch wenn wenig passiert: Einmal kippt de Maistre mit dem Stuhl um, mehr Action ist nicht. Und natürlich geht es dem Offizier im Grunde genommen bestens: Er hat einen Diener und einen Hund, und draußen lauert kein Virus. Seine Isolation ist splendid. Dennoch kann man sich von ihm etwas abschauen: Er findet Freiheit in der Beschreibung, sein Blick weitet sich in der Enge. Er entdeckt das Sehen, das vom bloßen Wiedererkennen verdrängt gewesen ist. Er lernt, neu hinzuschauen und mit anderen Augen auf die Welt zu blicken. Die altbekannten Räume verfremdet er, damit er sie mit dem Blick des Ethnologen entdecken kann. De Maistre schuf mit dem Text, der sozusagen das Gegenstück zu Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ ist, ein eigenes Genre. Er erfand den Typus des sesshaft Reisenden, des Ringsherum-Reisenden.

Und der Text war so erfolgreich, dass er bald nachlegte: „Nächtliche Expedition um mein Zimmer“ und „Reise durch meine Taschen“. Noch heute wirkt das Buch inspirierend: Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß wandelte jüngst auf de Maistres Spuren und veröffentlichte sein Buch „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“. Und Lutz Seiler, der kürzlich den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, schrieb soeben für den Deutschlandfunk seine Version einer Zimmerreise.

Das Zimmer, schreibt de Maistre, sei „eine paradiesische Gegend, die alle Güter und Schätze der Welt in sich birgt“. Romantik gibt es auch: De Maistre verliebt sich in eine Stimme, die von der Straße heraufgeweht wird. „Reise um mein Zimmer“ ist ein Putsch gegen die Macht der Gewohnheit. Hausarrest kann den Horizont erweitern. Er darf halt nur nicht zu lange dauern.

Info Wer auf der Internet-Adresse www.ardaudiothek.de die Suchworte „de Maistre“ und „Zimmer“ eingibt, findet eine Lesung des Buchs.