Düsseldorf: Wolfgang Tillmans – der Foto-Rebell

Düsseldorf : Wolfgang Tillmans – der Foto-Rebell

Weite Himmelsräume und intime Liebesträume, spröde Zeitungstexte und zu einem 3-D-Objekt gefaltetes Fotopapier, eine Jugendzeichnung, eine alte Rock-Pop-Jacke, Stillleben aus der Natur und Porträts von Model Kate Moss.

Wie soll man solch ein verschlüsseltes Werk fassen, das auf den ersten Blick unübersichtlich in die labyrinthischen Wege und Räume des Untergeschosses eingepasst wurde? Und wie soll man mit Worten das formale Vielerlei beschreiben, das jede Ordnung sprengt und alle Vorstellungen von Fotokunst über den Haufen wirft? Wie nähert man sich diesem Künstler, um seine Absichten aufzuspüren und um herauszufinden, wieso er trotz der Hermetik seines Werkes so berühmt wurde? Ist er ein Guter oder gar nicht so gut, wie die Preise auf dem Kunstmarkt und die Klasse der Ausstellungshäuser vermuten lassen?

Wolfgang Tillmans ist international bekannter und berühmter als hierzulande. Jetzt ist er im Rheinland angekommen, wo er im Ständehaus K 21 der NRW-Kunstsammlung ab heute bis Juli seine Retrospektive zeigt. Ein Heimspiel soll es sein für den gebürtigen Remscheider, der längst nach London und Berlin aufgebrochen ist. Mit den Becher-Schülern, die von Düsseldorf aus die zeitgenössische Fotokunst international dominieren, hat Tillmans nichts gemein, einen "Anti-Gursky" nennt man ihn, was weder dem einen noch dem anderen weh tut. Was aber die völlig andere Dimension klarmacht, in der sich Tillmans bewegt – seine Distanz von ästhetisierender Fotokunst.

"Ich will kein Fotokünstler sein", sagt Wolfgang Tillmans, "ich fotografiere auf Augenhöhe mit dem Publikum, benutze sehr gute, handelsübliche Kameras." Seine Intention ist es, kein überhöhtes Bild herzustellen, sondern seinen "realen Blick mit dem Medium zu übersetzen." Seine Ausstellungen nutzt er als komplexe Rauminstallationen, "um mich ausdrücken, um sprechen zu können." Seine Arbeiten seien die Verstärker seiner Gedanken, die Ideen wichtiger als die Techniken. Für ihn ist nicht der Blick der Augen entscheidend, sondern die Übersetzung der Bilder in seinem Gehirn. Und jedes Kunstwerk steht und zählt für sich allein. In den 15 Räumen des unterirdisch angelegten Museums geht es jeweils um andere Themen. Eine Chronologie lässt sich schwer ausmachen, Angaben zu den Werken gibt es nur im Internet.

Der Eintritt ist klar definiert: Dort trifft man auf seine raumgreifenden Himmelsbilder, die aus der Ferne wie von Magritte gemalt anmuten. Aus dem Flugzeug hat Tillmans bei Nacht diese Fotografien geschossen. Der Venus-Transit, der gleich zweifach daneben hängt, wurde mit der Kamera durch ein Teleskop aufgenommen. Tillmans ist von Kind an obsessiver Sternengucker. Die Ruhe dieser Bilder ist außergewöhnlich und findet sich doch ein zweites Mal in seinen großformatigen "Freischwimmer"-Serien, die in einem eigenen Raum hängen, in dem sie ihre Eindringlichkeit verströmen. Nur eine Farbe – Blau, Rot oder Grün – und sehr zarte Strukturierungen auf der großen Fläche. Freie Bahn für freie Gedanken, befreiende Lösungen – für Freiheit.

In Tillmans Welt gibt es nichts, was er auslässt als forschender Fotograf, der er sein möchte und ist. Früher hat er vieles in Magazinen veröffentlicht. In den 1990ern Jahren war eines seiner Lebensthemen der Umgang, das Miteinander in der Schwulen- und Technoszene, er stellte Sex zur Schau, entblößte Menschen, setzte Nacktheit vielfach in Szene. Das war wichtig. Heute ist es fast vorbei, aber selbstverständlich in die Retrospektive eingefügt. Eine Reminiszenz an eine Zeit, die Tillmans ("Ich will kein schwuler Künstler sein") prägte. Ihn darauf zu reduzieren, wäre falsch. Denn das künstlerische Feld des obsessiven Zeitungslesers ist weit bestellt, konzeptionell durchwirkt von vielfachen politischen wie persönlichen Impulsen – zwei Pole, die der 44-Jährige für sich nie trennen möchte.

Der Künstler protokolliert die Welt, die ihn umgibt, findet Motive für die Dissonanzen des Alltags (Gedenkstätte Silvio Meier), für persönliche Haltepunkte (Bild der Mutter). Kleine Fluchten gibt es auch (Lupinen, Fensterbilder) und jede Menge Fragestellungen, Untersuchungen, theoriebehaftete Statements in den sogenannten "Studientischen", die wie Objekte im Raum platziert sind. Tillmans tut dies alles mit subjektivem Blick und wenig technischem Aufwand. Ohne Lichtregie, ohne Plattenkamera, ohne Nachbearbeitung am PC. Er benutzt nichts Künstliches, er will eins zu eins arbeiten, seit ein paar Jahren mit der Digitalkamera – seine Fotos nennt er trotzdem analog, was eindeutig meint. Es ist Rohkost für das Auge.

(RP)
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