Wislawa Szymborska gestorben

Wislawa Szymborska gestorben

Warschau Weltweit bekannt ist die scheue Lyrikerin dann doch noch geworden. Das war 1996, als Wislawa Szymborksa überraschend den Literaturnobelpreis bekam und sie dadurch in ein Rampenlicht gestellt wurde, das auch ihr Werk neu und weithin sichtbar erstrahlen ließ. Der Lyrikerin aber war der hohe Preis nicht ganz geheuer. Natürlich versuche der Dichter, so sagte sie damals in ihrer Preisrede, mit jedem Poem etwas über die Welt und das Leben zu erfahren. Und dann? Dann heftet man "all die Arbeiten mit einer großen Büroklammer zusammen, und das Ganze wird als das literarische Werk bezeichnet".

So nüchtern und lakonisch, auch selbstironisch und humorvoll ist Szymborska gewesen, und scheinbar lapidar sind auch ihre Verse. Mit ihnen hat die 1923 in Bnin geborene und ab 1931 in Krakau lebende Dichterin vor allem den Alltag zu fassen versucht. Was auch immer sie in der Blütezeit ihres Schaffens zu Poesie verwandelte, meist war es das Einfache, das Naheliegende. Das war kein Rückzug, auch keine Lektion aus ihren lyrischen Anfängen mit den Hymnen auf den Kommunismus. Es war vielmehr der neue Blick auf das Gewohnte, auf den einfachen Menschen in seiner überschaubaren Welt. Dabei konnten sich deutsche Leser mitunter an die Nachkriegsliteratur des Kahlschlags erinnert fühlen. Und im Wortgestöber kam es vor, dass selbst das eigene Haus zum "Labyrinth" wurde: "– und jetzt ein paar Schritte /von Wand zu Wand, / dieses Treppchen hinauf, / oder jenes hinab, /und dann etwas nach links, / wenn nicht nach rechts".

Umso erstaunlicher war ihr Gedicht zum Terroranschlag vom 11. September, das sie 2005 schrieb und mit der Betrachtung nur eines Fotos zu einem der wirkmächtigsten literarische Zeugnisse zur Katastrophe von New York machte: "Sie sprangen aus brennenden Stockwerken hinab – / einer, zwei, noch ein paar / höher, tiefer. / Die Fotografie hielt sie an im Leben, / und nun bewahrt sie sie auf / über der Erde gen Erde."

Wie viele große Dichter hat Szymborska den Worten nie richtig getraut. "Augenblick" könnte jedes Gedicht heißen, sagte sie. Jetzt ist die große polnische Dichterin 88-jährig gestorben. Staatspräsident Bronislaw Komorowski nannte sie gestern den "guten Geist" Polens; Wilslawa Szymborska war auch Polens gute Stimme.

(RP)