Wim Wenders: "Ich manipuliere Fotos nicht"

Wim Wenders : "Ich manipuliere Fotos nicht"

Wim Wenders ist ein Pionier des digitalen Kinos, als Fotograf arbeitet er strikt analog. Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast würdigt sein fotografisches Schaffen mit einer großen Retrospektive ab dem 18. April.

Lassen Sie uns über die Wirklichkeit reden.

Wenders Das wird aber komplex.

Versuchen wir es konkret: Sie sind als Filmemacher ein Pionier der digitalen 3D-Technik, als Fotograf arbeiten Sie beharrlich analog. Warum?

Wenders Weil ich als Filmemacher mit den neuen digitalen Möglichkeiten das tun kann, was ich will, nämlich Geschichten erzählen, und zwar immer besser. Als Fotograf dagegen kann ich mit den digitalen Möglichkeiten überhaupt nicht machen, was ich will. Darum bin ich heilfroh, dass ich mich da auf die gute analoge Technik zurückziehen kann.

Was wollen Sie als Fotograf?

Wenders Als Fotograf will ich erst einmal meine Ruhe haben! Beim Filmemachen arbeite ich mit Hunderten von Leuten zusammen, als Fotograf bin ich allein unterwegs. Das geht mit analogen Apparaten wunderbar. Ich habe nicht mal ein Stativ dabei und schieße auf meiner Mittelformatkamera alle Fotos aus der Hand. Und sogar meine Panoramakamera kann ich gerade noch allein schleppen. Wenn ich in dieser Auflösung digital arbeiten wollte, müsste ich ein Stativ und einen Assistenten mitnehmen und wahrscheinlich auch einen Computer, vor allem aber eine Kamera, auf der ich hinten auf dem Monitor jedes Bild sofort sehen könnte. Für meine Art zu arbeiten ist das die Pest!

Warum?

Wenders Weil ich mich auf einen Dialog einlassen will zwischen einem Ort und mir. Ich muss alleine rumstreunen und meine ganze Aufmerksamkeit auf diesen Ort richten, um mitzubekommen, was er mir erzählen kann. Welches für ihn das richtige Licht ist, und wo genau ich mich hinstellen muss für den besten Blickwinkel. Ich pirsche also herum. Wenn ich aber schon auf einer Kamera hinten das Resultat sehen kann, bevor ich das Bild überhaupt mache, dann ist dieser Dialog unterbrochen, bevor er überhaupt anfängt. Dann sehe ich schon ein Ergebnis, das ich gar nicht sehen will. Ich möchte aber, dass um unseren Dialog und das mögliche Foto ein Geheimnis bleibt. Mir ist es recht, wenn ich erst Wochen später erfahre, ob die Aufnahme etwas geworden ist. Nur so kann es zwischen mir und dem Ort funken. Ein vorschnelles Resultat, auf das man schon mal rasch zwischendurch ein Auge werfen kann, würde alles zerstören.

Sie berauben sich aber aller Möglichkeiten der Nachbearbeitung.

Wenders Mit dem größten Vergnügen! Ich möchte an meinen Fotos gar nicht herummanipulieren, keinen neuen Himmel reinmontieren, und auch nichts rausretuschieren. Ich möchte auf dem Bild nur wiedererkennen, was ich auch gesehen habe. Und das möglichst gut darstellen, aber nicht, indem ich eingreife oder das Ganze neu zusammenbaue.

Also sprechen wir jetzt doch über die Wirklichkeit.

Wenders Das tun wir schon die ganze Zeit. Sehen Sie: In einem Spielfilm ist die Wirklichkeit eine andere Sache, da entsteht sie ja von Anfang an als Fiktion, eben als "die Wirklichkeit dieser Geschichte". Bei der Photografie hingegen habe ich eine altmodische Erwartung, dass sie nämlich eine originäre Wirklichkeit offenbart. Die Photographie hatte von Anfang an diesen einzigartigen Bezug zur Wirklichkeit. Der geht mit der neuen Technik verloren.

Seit der Postmoderne nimmt kaum noch jemand überhaupt den Begriff Wirklichkeit in den Mund.

Wenders Ja, das ist ein Schimpfwort geworden. "Real" ist ein "4-letter word".

Sie trauen der Idee noch?

Wenders So wie ich auch meinen Augen und meinen Ohren noch traue.

Wenn Sie den Ausschnitt für Ihre Bilder wählen, manipulieren Sie auch den Blick des späteren Betrachters.

Wenders Natürlich. Den Ausschnitt zu wählen, ist das A und O beim Bildermachen. Das hat die Photographie mit der Malerei gemein: Ohne den Rahmen, ohne diese Kadrierung gäbe es gar kein Bild.

Auch das analoge Bild ist subjektiv.

Wenders Natürlich, aber mit einer Verpflichtung der Wirklichkeit gegenüber. Diese Subjektivität zwingt mich ja noch nicht zur Manipulation, sie offenbart nur das Auge hinter der Kamera. Für die digitale Fotografie müsste man eigentlich einen neuen Begriff erfinden. So was wie "Pictografie". Eigentlich ist das ja eine neue Art der Malerei, man setzt aus digitalen Elementen der Wirklichkeit ein neues Bild zusammen.

An welchem Punkt Ihres Lebens haben Sie die Fotografie entdeckt?

Wenders Mein Vater war ein begeisterter Amateurfotograf, musste das aber aufgeben, weil er seinen Beruf als Arzt sehr ernstgenommen hat. Aber er hat seinem Sohn die erste Plastikkamera geschenkt, da war ich gerade mal sechs. Ich photographiere also, seit ich mich erinnern kann. Ich habe auch noch Negativbögen, die ich als Kind gemacht habe. Aber das war alles spielerisch oder vielmehr selbstverständlich. Richtig ernst und als Beruf angenommen habe ich die Photografie erst ab den 1980er Jahren.

Gibt es in der Düsseldorfer Werkschau ein Foto, das Ihnen besonders wichtig ist?

Wenders (zögert) Da hängt eine Serie von Bildern von Ground Zero, die sind für mich sehr, sehr wichtig, fast unantastbar. Die kommen mir vor, als hätte ich sie gar nicht selbst gemacht, als hätten sie sich durch mich selbst gemacht. Aber die Bilder muss man sehen, um das zu verstehen.

Sie gehen sich also selbst verloren, wenn Sie fotografieren - so weit, dass Sie sagen können, Sie seien nur ein Medium, durch das hindurch Bilder entstehen?

Wenders Oh ja, ich vertiefe mich oft so in einen Ort, dass ich hinterher gar nicht mehr weiß, wie ich dorthin gekommen bin. (lacht) Und auch manchmal nicht mehr weiß, wie ich wieder wegkomme.

Am Ground Zero sind Sie in eine riesige Wunde hinabgestiegen. Glauben Sie, dass die jemals heilen wird?

Wenders Ground Zero kurz nach dem Anschlag war ein stinkender, rauchender, heißer, grauenhafter Höllenort, in dem immer noch die Suchtrupps unterwegs waren und langsam versucht haben, den Schutt abzubauen, immer darauf gefasst, noch Spuren von Menschen zu finden. Das war ein großer Friedhof, auf dem diese Männer langsam und ehrfürchtig gearbeitet haben. Aber trotzdem ein grauenhafter Ort. Plötzlich, aus dem Nichts, schien die Sonne da hinein. Das war eigentlich gar nicht möglich, weil der Platz doch umstellt ist von Hochhäusern! Über die Glasfront eines benachbarten Hochhauses wurden an diesem Morgen für einen Moment die Sonnenstrahlen in die Tiefe gespiegelt, und plötzlich war alles in ein traumhaftes Licht gehüllt. Die Arbeiter hielten alle inne und schauten sich verwundert um. So kannten sie diese Hölle gar nicht. Mir schien damals, als ob uns der Ort von sich aus etwas erzählen wollte: Die Zeit wird auch diese Wunde heilen! Hier ist etwas Grauenvolles geschehen, aber lasst als Rache dafür nicht noch mehr Blut fließen! Laßt dies einen Ort des Friedens werden! Leider hat die Politik das damals aber bald in eine ganz andere Richtung betrieben.

Denken Sie, dass sich die Einsicht noch durchsetzen wird?

Wenders Die Chance ist durch den "Krieg gegen den Terror" vertan worden. Dabei gab es damals einen Moment des Friedens über alle Grenzen und alle Religionen hinweg, eine geradezu einmalige Chance für eine andere Art von Solidarität auf diesem Planeten. Ich habe Menschen miteinander beten sehen, die sonst nicht einmal miteinander gesprochen hätten. Aber diese Solidarität ist durch die Politik zunichte gemacht worden.

Wir hören den Orten nicht genug zu?

Wenders Das haben Sie gut gesagt.

Ist es für Sie etwas Besonderes, Ihre Fotografien nun in Ihrer Heimatstadt Düsseldorf auszustellen?

Wenders Ja, das ist für mich schon ein Hammer. Da bin ich aufgewachsen, an den Rheinwiesen habe ich jeden Tag gespielt und in einem der Türme des Kunstpalastes am Ehrenhof wohnte eines meiner Kindermädchen. Die hatte da gleich nach dem Krieg so eine Ein-Zimmer-Notwohnung, da habe ich auch manchmal nachts gewohnt. Ich kenne das alles seit meiner Kindheit. Dass ich da jetzt eine so große Ausstellung habe, ist schon etwas Besonderes.

DOROTHEE KRINGS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)