Wilhelm Gössmann ist tot: Ein Kämpfer für Heine

Wilhelm Gössmann ist tot: Ein Kämpfer für Heine

Der Literaturwissenschaftler Wilhelm Gössmann ist tot. Zeitlebens hatte er sich für das Ansehen Heinrich Heines eingesetzt.

In der Nacht zu Donnerstag starb im Alter von 92 Jahren der Literaturwissenschaftler, Autor und langjährige Vorsitzende der Heine-Gesellschaft Wilhelm Gössmann. Über Jahrzehnte hat er sich mit seiner temperamentvollen und herzlich-zugewandten Art eingemischt in das Kulturleben der Stadt, die für ihn vor allem die Stadt Heinrich Heines war und in der er seit 1968 seine zweite Heimat gefunden hatte.

Gössmann wurde 1926 als Sohn einer Bauernfamilie im Dorf Langenstraße-Heddinghausen in der Nähe von Soest geboren. Der ostwestfälischen Provinz und dem Ort seiner Geburt blieb er sein Leben lang verbunden. In seinen Gedichten und Prosastücken hat er sich immer aufs Neue bemüht, der westfälischen Landschaft eine sprachliche Gestalt zu geben, die frei bleibt von jeder heimattümelnden Nostalgie. Darin folgte er der von ihm bewunderten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, mit der ihn nicht nur die westfälische Herkunft verband, sondern auch eine tiefe Religiosität. Sie war das Fundament seines Lebens und seines Schaffens. Nach Schule und Studium von Germanistik, Philosophie und Theologie in Münster und München promovierte er 1955 mit einer Arbeit über das Schuldproblem im Werk Droste-Hülshoffs. Die Frage nach der Verbindung von Literatur und Religion, Germanistik und Theologie, die bereits in seiner Doktorarbeit gestellt wird, blieb in der Folge eines der Hauptthemen seiner wissenschaftlichen Arbeit.

Zunächst verschlug es ihn aber von 1955 bis 1960 an japanische Universitäten in Tokio, wo er eine überaus erfolgreiche „Deutsche Kulturgeschichte im Grundriss“ (1960) verfasste. 1962 wurde er an die Pädagogische Hochschule in Weingarten und 1968 an die Pädagogische Hochschule Rheinland (Abteilung Neuss) berufen. Nach der Zusammenlegung der Neusser Hochschule mit der Universität Düsseldorf arbeitete er dort von 1980 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991 als Professor für deutsche Literatur. Noch im Jahr 2013 setzte er sich für die Anerkennung der umstrittenen Promotionsschrift von Annette Schavan (CDU) ein. Der früheren Bundesbildungsministerin war der Doktortitel wegen Plagiatsvorwürfen aberkannt worden.

Gössmanns wissenschaftliche Publikationen kreisen um literaturdidaktische Themen, aber auch weiterhin um den Schwerpunkt „Literatur und Religion“ und seit Anfang der 1970er Jahre verstärkt um Heinrich Heine, der über die Jahre zum wichtigsten literarischen Gegenstand für Gössmann wurde. Was ihn jenseits seiner wissenschaftlichen Publikationen als Hochschullehrer in besonderer Weise auszeichnete, war eine sehr dezidierte Vorstellung von Literatur. Sie war für ihn nichts, dem man sich nur mit der Distanz des Philologen näherte, sondern Teil des Lebens, gelebte Wirklichkeit. Das war ein Ansatz, den er immer wieder mit dem ihm eigenen Charme und Temperament seinen Studierenden nahezubringen wusste, und zwar mit einer Begeisterung, die ansteckend war und bei vielen, die mit ihm umgingen, bleibende Wirkungen hinterließ. Selbst wenn man gar nicht seiner Meinung war, war es doch eine Freude zu erleben, wie er sich noch im hohen Alter von der Literatur mitreißen ließ und sich für ihre Belange ereifern konnte. Man darf sicher sein, dass er auf diese Weise mehr Menschen zur Literatur gebracht hat als viele gelehrte Abhandlungen es vermocht hätten.

Wenn die Literatur Teil des Lebens wird, so Gössmanns Credo, dann wird sie per se politisch. An diesem Punkt war es dann, wo er auf Heinrich Heine stieß, dessen Text „Deutschland. Ein Wintermärchen“ er unermüdlich als Meisterwerk einer politischen Literatur darzustellen suchte. Nun gab es freilich in den Jahren, als Gössmann nach Düsseldorf kam, für einen Freund und Verehrer des Düsseldorfer Dichters viel zu tun. Die bereits 1956 gegründete Heinrich-Heine-Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das dichterische und zeitkritische Werk Heines lebendig zu halten, rieb sich auf in ideologischen Grabenkämpfen zwischen radikal- und liberaldemokratischen Freunden des Dichters. Wilhelm Gössmann war der richtige Mann, um ohne Berührungsängste und jenseits aller Ideologie die Gesellschaft in ruhigeres Fahrwasser zu lenken. Von 1973 bis 1983 tat er das als ihr Vorsitzender und später bis in die letzten Jahre als kritischer und engagierter Berater. In seine Zeit als Vorsitzender fiel der Umzug des Heinrich-Heine-Instituts in ein eigenes Haus an der Bilker Straße 1974; sie wurde aber auch geprägt vom langen und zähen Kampf um die Benennung der Universität Düsseldorf nach Heinrich Heine, der erst 1988 ein glückliches Ende fand. Heine hatte endlich den ihm gebührenden Platz in seiner Vaterstadt eingenommen, der in den folgenden Jahren bis zu den großen Feiern zu seinem 200. Geburtstag im Jahr 1997 weiter ausgebaut werden konnte. Es war typisch für Gössmanns Haltung, dass er jetzt schon wieder befürchtete, Heine könne allzu beliebig vereinnahmt und damit entpolitisiert werden.

Anfang der 1990er Jahre hat Wilhelm Gössmann zusammen mit Studierenden einen Stein vor dem Gebäude der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität aufgestellt. Er trägt Verse aus Heines spätem Gedicht „Enfant perdu“, die auch den Abschluss dieser Erinnerung an einen großen Freund der Literatur und Verehrer Heinrich Heines bilden sollen:

Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen

Der Eine fällt, die Andern rücken nach

Doch fall‘ ich unbesiegt, und meine Waffen

Sind nicht gebrochen – Nur mein Herze brach.

Unser Autor Bernd Kortländer (71) war Lehrbeauftragter an der Heine-Universität und von 1986 bis 2012 stellvertretender Leiter des Heinrich-Heine-Instituts.

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