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Wie Homeschooling das Leben in Familien verändert

Homeschooling : Zum Lernen an den Esstisch

Vor den Sommerferien wird es keinen regulären Unterricht mehr geben. Das bedeutet: keine Mitschüler treffen, Gleichaltrige seltener sehen und sich selbst organisieren. Ein Erfahrungsbericht nach sieben Wochen Schule daheim.

Neuerdings bekomme ich Videoanrufe auf dem Smartphone. Dann reiche ich das Handy direkt weiter an meinen achtjährigen Sohn: Es sind seine Klassenkameradinnen. Sie wollen quatschen, Spaß machen und sich einfach mal sehen. Kontaktpflege unter Drittklässlern in Corona-Zeiten.

Heute beginnt Woche acht ohne Schule. Das hinterlässt Spuren. Die Abende werden länger, die Vormittage, an denen eigentlich gelernt werden soll, kürzer. Unvorstellbar, dass man einmal tagtäglich um 6.30 Uhr aufgestanden ist. Und dennoch ist bei unseren Kindern die anfängliche Euphorie über „superlange Ferien“ mittlerweile deutlich geschrumpft. Sie gehen in die dritte und in die sechste Klasse. Jahrgangstufen, die bisher bei Planungen über mögliche Schulöffnungen keinerlei Berücksichtigung fanden. Der NRW-Vorstoß in Sachen Grundschulen wurde vergangene Woche innerhalb weniger Stunden zurückgenommen. Dabei endet nach der sechste Klasse auf der weiterführenden Schule immerhin die sogenannte Erprobungsstufe, nach der sich entscheidet, ob die gewählte Schulform die richtige ist. Die Drittklässler unserer Grundschule bekommen im Sommer das erste Mal überhaupt ein Zeugnis mit Noten, und dann im Herbst ihre Empfehlung für die weiterführenden Schule.

Es fehlt die Perspektive, das merkt man den Kindern an. Warum sich Tag für Tag zum Lernen aufraffen, wenn nicht einmal Politiker und Wissenschaftler einen Plan haben, wann es wie weitergehen soll? Das fällt schon Erwachsenen schwer genug. Für einen Zwölfjährigen ist das eine echte Herausforderung. Die Absichtserklärung der Politik, vor den Sommerferien sollen alle Kinder in irgendeiner Weise mal wieder in der Schule gewesen sein, hilft da wenig.

Vor allem aber vermissen die Jungs ihre Freunde. Keine Schule, kein Sport, keine Verabredung, kein Kindergeburtstag. „Social distancing“ klingt smarter als Kontaktverbot, macht die Sache aber nicht besser. Für die Kinder wird der Entzug von Gemeinschaft mit Gleichaltrigen von Woche zu Woche schwieriger. Besonders für unseren jüngeren Sohn. Sein Bruder kann immerhin per Smartphone oder Playstation mit Freunden kommunizieren. Er darf auch mal alleine mit einem Klassenkamerad auf der Trasse Rad fahren. Dem Kleinen bleibt nur die tägliche Telefon-Quasselzeit mit seinem besten Freund. Für alle anderen sozialen Belange ist derzeit der große Bruder zuständig. Die Corona-Pandemie ist auch die Zeit der Geschwister. Bei fast vier Jahren Altersunterschied sind Kompromisse gefragt. Der Große animiert den Kleinen zum Lesen. Der Kleine bringt den Großen dazu, mal wieder mit Lego zu spielen. Statt mit Freunden, übernachten jetzt die Brüder gemeinsam. Natürlich hat die Harmonie ihre Grenzen. Dann hilft „social distancing“ im eigenen Zimmer.

Der Fernunterricht jedenfalls bietet keinen Ersatz für das, was wir sonst Alltag nennen. Jetzt offenbart sich, wie sehr Deutschland in Sachen digitaler Bildung hinterherhinkt. Lehren funktioniert bei uns aktuell am Gymnasium so: Über die schulinterne Lernplattform stellen die Lehrer Aufgaben ins Netz, manche verschicken per Email Arbeitsmaterial. Die Sechstklässler müssen täglich Unterlagen und Aufgaben sichten, einteilen, bearbeiten und pünktlich abschicken. Im Idealfall geschieht dies selbstständig, in der Realität mit unserer Hilfe. Unterricht kann man das nicht nennen.

Dabei läuft es in jedem Fach ein wenig anders: In Englisch und Physik kommt wöchentlich neuer Stoff. Die Mathelehrerin schickt alle paar Tage kommentarlos Aufgabenblätter und dann zeitversetzt die Lösungen hinterher. Selbstkontrolle ist gefragt. Therme, Dreisatz? Müssen die Kinder sich selbst beibringen. In Deutsch kamen die 47 Seiten für ein Leseprojekt zum Glück ganz am Anfang der Corona-Zeit. Heute hätten wir vielleicht nicht mehr den Elan und die Geduld, alles auszudrucken. Apropos drucken: Wer in diesen Tagen keinen vernünftigen PC samt Ausstattung hat, ist klar im Nachteil. Kinder, denen zu Hause niemand helfen kann sind es ebenfalls. Allein deshalb können die abgelieferten Leistungen nicht vernünftig beurteilt werden. Unser Sohn wartet in manchen Fächern seit Wochen auf eine Rückmeldung zu eingereichten Aufgaben. Der persönliche Kontakt zu den Lehrern bleibt weitgehend auf der Strecke. Es gibt zwar aufmunternde Worte per Mail. Auf die Idee, eine Videokonferenz mit der Klasse zu organisieren, ist bisher kein Pädagoge gekommen. Kurzum: Es funktioniert einigermaßen, aber es könnte anders laufen.

Die Grundschullehrerin zeigt, wie es besser geht: Sie verschickt kompakte Wochenpläne und schreibt den Kindern regelmäßig Emails. Vor ein paar Tagen gab es die erste Videokonferenz mit 24 Acht- und Neunjährigen. Für die Mädchen und Jungen war das ein Highlight.

„Freust du dich schon auf die Schule?“, fragte unser Jüngster gestern seine Klassenkameradin im Videotelefonat. Die Antwort kam prompt: „Wieso? Wir gehen doch gar nicht mehr zur Schule?“

Kinder denken praktisch.