München: Wie geht katholisch heute?

München: Wie geht katholisch heute?

In der renommierten Katholischen Akademie Bayern flogen diesmal die Fetzen: Der "Spiegel"-Journalist und Erzkatholik Matthias Matussek und die Düsseldorfer Reformkatholikin Karin Kortmann kreuzten die Klingen.

Die Katholische Akademie in Bayern hat einen exzellenten Ruf als Küche geistiger Nahrung. Ob bei Abendveranstaltungen oder Tagungen – es wird intellektuell kalorienreiche Kost serviert, man geht hernach in aller Regel gesättigt nach Hause. Manchmal, wie bei dem legendären Disput 2004 über Glaube und Vernunft zwischen Deutschlands herausragendem Philosophen, Jürgen Habermas, und Deutschlands berühmtem Theologen, Joseph Ratzinger (ein Jahr später: Benedikt XVI.), schrieb die Institution am Englischen Garten in München-Schwabing gar Geistesgeschichte.

Jetzt ein anderes, neues Akademie-Erlebnis: Es flogen die Fetzen beim Themenabend "Katholische Lebensstile in säkularisierter Gesellschaft" oder, salopp formuliert: "Wie geht katholisch heute?" Offener Streit auf dem Podium, scharfe Rede und Widerrede, Provokation, Attacke, Gegenangriff. Es prallten aufeinander: Der "Spiegel"-Journalist Matthias Matussek, der mit dem Etikett "leidenschaftlicher Traditions-Katholik" zurückhaltend beschrieben ist, und Karin Kortmann, eine Düsseldorfer Sozialdemokratin und Ex-Staatssekretärin, beheimatet im karitativ engagierten Verbände-Katholizismus.

Die einleitenden, differenzierten Ausführungen des Kölner Theologen und Religionsphilosophen Hans-Joachim Höhn waren die sprichwörtliche akademische Ruhe vor dem Sturm, den Matussek entfachte, von dem sich Frau Kortmann aber nicht hinwegfegen ließ.

Matussek und Kortmann präsentierten sich zunächst als Kinder erzkatholischer Milieus und Elternhäuser, in denen das Leben vom Kirchenkalender bestimmt war, wo man wie selbstverständlich sonntags zur Messe, einmal im Monat zur Beichte, im Marienmonat zur Maiandacht ging, den Rosenkranz betete, den Blasius-Segen empfing. Matussek pries "all die wunderbare katholische Folklore", die er stets als stützend empfunden habe. Kortmann sagte, zwar könne sie sich vorstellen, bei unüberbrückbaren Meinungsunterschieden aus der SPD auszutreten, aber ihre Kirche verlassen? "Nein, niemals."

So viel zu den Gemeinsamkeiten zweier katholischer Christen. Dann legte Matussek los. Den neben ihm sitzenden Theologen Höhn und dessen Universitäts-Kaste machte er mitverantwortlich für die Glaubenskrise und setzte noch ein "Deutschland hat keine bedeutenden Theologen mehr" hinzu. Höhn schwankte zwischen Betroffenheit und Lust zum Gegenschlag, konterte dann mit Verweis auf den Angreifer, er wolle "Lästiges ertragen". Frau Kortmann reagierte erschrocken und ärgerlich auf Matusseks Häme gegen einen Katholizismus der Gremienpapiere, der Reform-Agenda, der liturgischen Experimente, gegen eine Kirche als Sozialstation. Kortmann verfocht einen weltweit engagierten Katholizismus, der in einer Mischung aus Zorn über soziale Ungerechtigkeit und helfender Zärtlichkeit präsent sein müsse. Kortmann ("Wir sollten nicht Gruppen, die Reformvorschläge machen, beschimpfen und auf reformfreudige Theologieprofessoren einhacken") stand für diejenigen in der katholischen Kirche, die verändern und modern sein möchten, etwa durch Ja zum Frauenpriestertum. Sie meinte, es gebe keine Glaubenskrise, vielmehr eine Krise der Verfasstheit der Kirche.

Matussek widersprach: "Wir haben keine Kirchen-, vielmehr eine Glaubenskrise. Das ändern wir nicht dadurch, dass Priesterinnen am Altar stehen." Der religiöse Analphabetismus sei das eigentliche Problem, dazu das Missverständnis, dass gesellschaftspolitisch modische Weltlichkeit stärker in die Kirche gehöre. In der Kirche sei eher zu viel Tageslicht, zu viel Trivialisierung. Das treibe die Leute in Scharen aus der Kirche. Diese müsse ihr Geheimnis, ihren liturgischen Schatz hegen und pflegen und die Frohe Botschaft verbreiten: "Katholisch – das ist kein spirituelles Catering, kein geistiges Drive in." Wo Kortmann eine Wagenburg-Mentalität der Bischöfe beklagte, verteidigte Matussek die Kirchenführung: Für ihn sei etwa der Papst nicht der Unbelehrbare, sondern der unbeugsame Fels im Sturm der Zeit.

Da lugte hervor, was Akademiedirektor Florian Schuller als "interessantes Phänomen" bezeichnet hatte: dass katholisch zu sein, sich zu seinem Glauben zu bekennen in manchen Kreisen wieder "in" zu sein scheine. Schuller fragte auch: "Ist nicht ein Glaubensbekenntnis in der ganz traditionellen Form mittlerweile so exotisch, dass es als ausgeprägter Individualismus eine faszinierende Anziehungskraft entwickelt?"

Wissenschaftler Höhn, dem zwischen dem notorischen Angreifer Matussek und der herausgeforderten, auch gepiesackten Karin Kortmann die Rolle des "Weltkindes in der Mitten" zufiel, warnte die katholische Kirche vor einer "McKinsey-Theologie". Höhn meinte damit eine auf den Markterfolg zielende Sucht, sich auf den katholischen Markenkern zu konzentrieren, die Alleinstellungsmerkmale zu pflegen. Es sei keine erfolgversprechende Strategie, sich gegenüber Konkurrenten auf dem Markt der Weltanschauungen und Sinnanbieter mit klarem Profil abzuheben. Höhn: "Problematischer als der Rückgang ihres äußeren Bestandes ist ihre drohende innere Verkümmerung. Dass sie kleiner wird, muss man beklagen, dass sie dabei selbstbezogen wird, ist das größere Übel." Dem Matussek'schen "Kirche, bleib geheimnisvoll!" setzte Höhn entgegen: "Eine Kirche, welche zur Welt auf Abstand geht, steht in der Versuchung, sich in dogmatischen Rigorismus und liturgischen Ästhetizismus zu flüchten."

(RP)