Wie Gastspiele organisiert werden

Kultur auf Reisen: Auswärtsspiele der Theater

Gastspiele sind eine Chance für die Bühnen der Stadt, andernorts für ihre Arbeit zu begeistern. Logistisch ist das ein Kraftakt.

Vor ein paar Wochen ist der Sandmann in See gestochen. Mitarbeiter des Schauspielhauses haben das Bühnenbild der gefeierten Inszenierung von Robert Wilson samt aufwändiger technischer Ausrüstung, Kostümen, Zubehör in vier Container verpackt. Seit September sind die nun unterwegs – Richtung China. Mitte November ist die Inszenierung beim großen „International Arts Festival“ in der 15-Millionen-Einwohner-Metropole Shanghai zu Gast. Ein Werk der darstellenden Kunst reist als kultureller Botschafter um die Welt, das bedeutet vor allem eins: viel Arbeit hinter den Kulissen.

Wenn die Kulturinstitute der Stadt zu Gastspielreisen eingeladen werden, beginnt für die Mitarbeiter ein logistischer Kraftakt. Gastdarsteller müssen angefragt, die Abwesenheit fester Ensemblemitglieder in den Spielplan eingearbeitet werden. Dazu wird oft ein technisches Team entsandt, das klären muss, ob am Gastspielort die Voraussetzungen stimmen. Meist haben Gastspiele deshalb eine Vorlaufzeit von mindestens einem Jahr, oft auch deutlich länger.

Entscheidet sich das Theater für die Reise, müssen Bühnenbilder, Technik, Kostüm, Maskenzubehör auf den Weg gebracht werden – und zum Auswärtsspiel all die Menschen, die vor und hinter den Kulissen arbeiten. Für den „Sandmann“ werden in ein paar Tagen insgesamt 70 Menschen – Darsteller und Mitarbeiter des Schauspielhauses – nach China reisen.

„Natürlich haben wir genau überlegt, ob sich der Aufwand lohnt“, sagt Cornelia Walter, künstlerische Projektleiterin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Ein Theater sei immer stolz, wenn es seine besten Arbeiten an anderen Orten zeigen und so am Ruf des Hauses arbeiten könne. „Die Einladung aus China ist aber besonders reizvoll“, sagt Walter, „man traut uns zu, dass unsere Inszenierung auch zu Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis sprechen kann. Das möchten wir jetzt auch einlösen.“

Zudem haben Gastspielreisen natürlich auch Wirkung nach innen, auf das Ensemble. „Man muss an einem neuen Ort das Publikum ganz neu erobern“, sagt Martin Schläpfer, Direktor des Ballett am Rhein. „Oft wird man dann von einer frischen Euphorie getragen, aber manchmal spürt man auch, was man an seinem heimischen Publikum hat, was da an Vertrauen und Verständnis gewachsen ist.“

Genau wie die Oper hat auch das Ballett schon an entfernten Orten gastiert, in Israel etwa oder in Oman. „Obwohl Gastspiele minutiös geplant werden, passiert immer Unvorhersehbares“, sagt Schläpfer, „die Kompanie muss blitzschnell reagieren, das macht die Zeit so intensiv, herausgelöst aus dem Alltag lernt man einander anders kennen, das ist ungeheuer bereichernd.“

Minutiös geplant werden die Gastspiele des Ballett am Rhein von Barbara Stute. Gelassen erzählt sie von Packlisten für entferntere Reisen, auf denen jede Schraube verzeichnet sein muss, wenn die Fracht alle Grenzen sicher passieren soll. „Das sind dann schon mal Listen von 20 Seiten“, sagt Stute.Am spannendsten wird ihre Arbeit am Tag der technischen Einrichtung vor Ort. „Dann schwärmen alle wie die Ameisen aus, man arbeitet unter enormem Zeitdruck, aber gerade in der Hektik darf nichts falsch zusammengebaut werden, da muss ich den Überblick bewahren.“

Auch Kleinigkeiten können vor Ort ein Problem werden, etwa, wenn Umkleideräume zu weit von der Bühne entfernt liegen oder wenn elektrische Zugstangen für den schnellen Wandel von Bühnenbildern fehlen. „Man muss bereit sein, Kompromisse einzugehen“, sagt Stute, die Schreinerin und Innenarchitektin ist und dazu noch Bühnen- und Beleuchtungsmeisterin, „aber vor allem muss man alles möglichst präzise vorbereiten.“

Für China ist das nicht so einfach. Während im deutschsprachigen Raum viele Bühnen mit derselben Technik arbeiten, muss mit den chinesischen Partnern jeder Anschluss besprochen werden. Hinzu kommen Sprachschwierigkeiten und die Zeitumstellung. Doch ist Robert Wilson im Wortsinn ein international arbeitender Künstler, dessen Inszenierungen oft von Partnern in mehreren Ländern gemeinsam produziert werden. Auch „Der Sandmann“ wäre anders gar nicht zu stemmen gewesen. „Wilsons Arbeit stellt höchste technische Ansprüche, das macht ihren ästhetischen Reiz aus“, sagt Cornelia Walter, „aber dazu muss eben auch jeder Scheinwerfer im richtigen Winkel hängen.“

Daran arbeitet das Technikteam des Schauspielhauses unter Hochdruck. Täglich gehen Mails hin und her, während der „Sandmann“ ruhig Kurs nimmt. Am 15. November ist Premiere in Shanghai.

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