Wie die Deutschen sich sehen

Wie die Deutschen sich sehen

Eine Studie des Wissenschaftszentrums fragt nach vielen Lebenseinstellungen.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, präsentiert die Ergebnisse einer bemerkenswerten Studie, die fragt, was das Vermächtnis der heutigen Menschen in Deutschland für kommende Generationen ist. In die Arbeit ging die Einstellung von über 3100 Personen zu sozialem Leben, Wohnen, Lebensstil, Berufsleben, Besitz, Liebe und Partnerschaft, Ernährung, Gesundheit, Kommunikation und Technik ein. Gefragt wurde: "Wie ist es heute?", "Wie soll es werden?", "Wie wird es sein?". Die Menschen wurden auch mit Sinneseindrücken konfrontiert, sie konnten ihr Lebensgefühl durch Wahl zwischen vier Duftdosen (Riechen), vier Oberflächen (Ertasten) oder vier Rhythmen (Hören) ausdrücken. Dokumentiert wurde eine dominierende eher skeptische Gefühlslage: Über die Hälfte der Menschen will ihr heutiges Lebensgefühl weitergeben, glaubt aber nicht, dass diese Vorstellungen in der Zukunft gelebt werden. Ein Viertel wünscht, dass es anders wird, erwartet aber eine Zukunft, die weder ihrem Heute noch ihrem Wunsch entspricht.

Die Antworten zu vier wichtigen Bereichen, die das Leben prägen, zeigen Erwerbsarbeit mit höchster Priorität, die Wichtigkeit des Vererbens von Besitz, Offenheit für die Entwicklung der Technik und in der Liebe eine "Ode an die Vielfalt". Antworten zu Dimensionen dessen, was die Menschen unter einem guten Leben verstehen, dokumentieren die Wünsche nach Schutz des Wohlfahrtsstaates und nach mehr Information zu politischen kulturellen Entwicklungen. Allmendinger zeigt, dass die Menschen, Generationen und soziale Unterschiede übergreifend, ein gemeinsames Vermächtnis verbindet. Dazu zählen Bildung und gute Arbeit sowie der solidarische Sozialstaat. Dabei sind sie offen für Reflexion und Selbstkritik und "keine Jammerlappen".

Die Soziologin konzentriert ihre Bilanz dann auf "Ungleichheit". Es besteht eine Orientierung an Ergebnisgerechtigkeit. Das bedingungslose Grundeinkommen ist fragwürdig. Allerdings ist die Bandbreite der Vergütung von Leistungen zu hoch. Zugleich sind die Renten zu niedrig. Ältere fühlen sich subjektiv arm.

Die Orientierung an der Ergebnisgerechtigkeit lässt verstehen, warum es so wichtig ist, Besitz und Vermögen zu vererben. Allmendinger folgert, dass eine höhere Ergebnisgerechtigkeit eine Stärkung der Zugangsgerechtigkeit unabdingbar macht. Daraus entsteht die Kultur der Weiterbildung. Weiter sind die gleichwertige Anerkennung aller Familienmodelle und die gezielte Unterstützung von Eltern erforderlich, bei Überwindung der ungleichen Verteilung der Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern.

Interessant: Die zwischen 2015 und 2016 breit kommunizierte Einwanderungsproblematik ist für das Wir-Gefühl relevant. Das hat in besagtem Jahr abgenommen, wobei dieser Rückgang auf Menschen mit Migrationserfahrung zurückzuführen ist. Der Jahresvergleich zeigt auch eine Zunahme von Unsicherheit durch die intensivierte Kommunikation von technologischen Veränderungen. Es stellt sich die Frage, inwieweit tatsächliche Veränderungen oder die Kommunikation darüber Einstellungen beeinflussen. Eine bleibt freilich unabhängig davon: der Wunsch der Menschen nach Kontinuität und Stabilität.

(RP)
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