Essen: Wie die Alten das Theater erobern

Essen : Wie die Alten das Theater erobern

Im Kino laufen Filme, in denen Helden die größte Herausforderung des Lebens bestehen: das Altwerden. Dabei erleben sie amüsante Abenteuer. Auch Bühnen greifen das Thema auf – aktuell etwa das Essener Grillo-Theater mit dem schwarzhumorigen Drama "Richtig alt, so 45".

Lyn hat die grauen Haare zwar zu einem strengen Dutt gekämmt und trägt ein altmodisches Kostüm, doch sie ist eine dieser selbstbewusst-munteren Seniorinnen, die lieber Reisen planen als den Umzug ins Altenstift. Dass sie in letzter Zeit alles vergisst, beunruhigt sie kaum, obwohl sie in einer Zukunftsgesellschaft lebt, in der Menschen mit Alzheimer die "Arche" droht. Das ist eine Klinik, in der ältere Patienten nur überleben, wenn sie an makabren Versuchen teilnehmen. Wer sich weigert, bekommt die rosa Pille, sieht plötzlich Papageien durch den Raum flattern und fällt tot um.

Der demographische Wandel ist in der Kunst angekommen. Da, wo die Gesellschaft sich Geschichten erzählt, im Kino und im Theater, tauchen auf einmal Figuren mit Silberhaar auf, werden Fragen des Älterwerdens, der Generationengerechtigkeit, des sinnvollen Lebens jenseits der 70 verhandelt. Das Kino allerdings geht sein Thema betont unterhaltsam an. Da ziehen dann in einer französischen Komödie altgewordene Freunde in eine WG oder in einer britischen Produktion sieben Senioren nach Indien, um sich im "Marigold Hotel" einen luxuriösen Lebensabend zu gönnen. Und als sich das exotische Paradies als chaotischer Bruchpalast erweist, erwachen in ihnen neue Lebensgeister. Der junge Chef ihres Hotels hat schließlich dialektisch verkündet: "Am Ende wird alles gut – wenn also nicht alles gut ist, ist es auch noch nicht das Ende."

Das Theater hingegen scheint noch mit der Problemanalyse beschäftigt. Im Essener Grillo-Theater etwa läuft gerade das sarkastische Drama "Richtig alt, so 45" der britischen Autorin Tamsin Oglebsy, in dem jene vergessliche Lyn, ihre gehbehinderte Schwester Alice und ihr gruselig jung gebliebener Bruder Robbie gegen die finale Abschiebung auf die "Arche" kämpfen. Zwar entwirft das Stück eine bitterböse Dystopie, in der genüsslich durchgespielt wird, wie eine Gesellschaft mit ihren Alten umgeht, wenn Effizienz der einzig gültige Maßstab geworden ist. Doch dazu gibt es im Stück Theorieblöcke. Da stehen dann zwei Schauspieler im Anzug auf der Bühne und rechnen vor, wie alte Menschen den Verkehr aufhalten und wie effizient es ist, sie entweder zur Betreuung vernachlässigter Jugendlicher einzusetzen oder besser noch mit der Papageienpille umzubringen.

Das wirkt ein wenig wie Zyniker-Volkshochschule. Im Programmheft gibt es Daten zu Pflegebedürftigkeit, hübsche Zitate aus Frank Schirrmachers Kampfschrift "Das Methusalem-Komplott" und im Publikum sitzen gecastete Essener Senioren, die aus dem Parkett losschimpfen, Wutbürger hat das Ruhrgebiet schließlich auch. Am Ende stehen die Mitglieder des Senioren-Ensembles mit auf der Bühne, umringen die Darsteller als bedrohlich schweigende Zuschauer.

Die Inszenierung von Jens Pesel ist keine große Bühnenkunst. Trotzdem spürt man im Zuschauersaal, dass das Thema die Menschen beschäftigt, die Theater also recht daran tun, sich mit der Wirklichkeit älter werdender Menschen zu befassen. Natürlich muss das nicht so offensichtlich geschehen wie in der Essener Inszenierung, in der es explizit um den Zynismus im Umgang mit alten Menschen geht und die Darsteller mit dem Rollator auf der Bühne stehen. Oder wie in manchen Stadttheatern, in denen dann Wedekinds Kindertragödie "Frühlings Erwachen" oder Shakespeares "Sommernachtstraum" mit alten Schauspielern besetzt werden.

Was zählt, ist die Perspektive älter werdender Menschen. Welche Fragen stellen Zuschauer an einen Klassiker, die ein bewegtes Leben hinter sich haben, die schon gefühlt haben, was Schicksal ist? Und welchen Darstellern schauen diese Menschen gerne zu? Häuser wie das Düsseldorfer Schauspielhaus haben längst nicht mehr mehrheitlich Jungschauspieler im Ensemble, sondern setzen auf die Ausstrahlung erfahrener Darsteller wie Tina Engel oder Imogen Kogge.

Das Kino hat dem Theater noch voraus, positive Utopien zu entwerfen, von Senioren zu erzählen, nicht weil sie alt, sondern weil sie spannende Charaktere sind. Manchmal wirkt das naiv, doch auch das ist kein Privileg der Jugend.

(RP)
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