Neue Doku über Hitlers Geburtshaus Wie wird Braunau das Hitler-Erbe los?

Eine Doku über das Geburtshaus des Diktators sorgt in Österreich für heftige Debatten über den Umgang mit der natinalsozialistischen Vergangenheit.

Das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn soll künftig von der Polizei genutzt werden. Noch aber hat sich nichts getan.

Das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn soll künftig von der Polizei genutzt werden. Noch aber hat sich nichts getan.

Foto: dpa/Lino Mirgeler

Menschen knüpfen Erinnerungen an Orte. Hier hat etwas Historisches seinen Anfang genommen, dort ging etwas Bedeutsames zu Ende, so hat es sich tatsächlich damals zugetragen, das Gute wie das Schlechte. Erinnerungsorte helfen, die Vergangenheit über den Zeitraum von Generationen zu transportieren und ein kollektives Gedächtnis zu schaffen, das unerlässlich ist, will man sich in der Gegenwart zurechtfinden.  Zuweilen jedoch offenbaren solche Orte auch Hilflosigkeit im Umgang mit Geschichte. Etwa die Adresse Salzburger Vorstadt 15 im oberösterreichischen Braunau. In jenem Haus wurde Adolf Hitler am 20. April 1889 geboren, dort hat er seine ersten drei Lebensjahre verbracht, hierum, genauer gesagt um die künftige Nutzung, dreht sich in Österreich gerade eine heftige Debatte.

Befeuert wird sie von Günter Schwaigers Dokumentarfilm „Wer hat Angst vor Braunau“, der in wenigen Tagen in der Alpenrepublik anläuft und demnächst wohl auch in dem einen oder anderen deutschen Programmkino zu sehen sein wird.  Es ist der erste Film in Österreich überhaupt, der sich dem biedermeierlichen Bürgerhaus widmet, dessen Historie dem Ortsunkundigen bis heute auch nur angedeutet wird. „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen“, steht auf dem Gedenkstein davor.

Eigentlich wollte der aus dem Bundesland Salzburg stammende Schwaiger einen Film über den Umbau des seit Jahren leer stehenden und 2017 durch Enteignung in das Eigentum des österreichischen Staates übergegangenen Gebäudes in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung drehen, was nicht wenige für eine glückliche Fügung hielten: Den Schwachen in der Gesellschaft, deren Vernichtung Hitler und seine Schergen grausam ersonnen und betrieben hatten, an dieser belasteten Liegenschaft Respekt, Förderung und Solidarität zuteilwerden zu lassen, schien ein sympathischer Gedanke, ein starkes Signal, dass Österreich vorankommt mit der schleppenden Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit.

Allein, es kommt anders. Die Dreharbeiten haben schon begonnen, da entscheidet das Wiener Innenministerium 2019, das dreigeschossige gelbliche Eckhaus in eine Polizeistation umzuwandeln. Zu öffentlich, zu zugänglich sei der Ort, findet man in der Hauptstadt, zöge dort die „Lebenshilfe“ ein, jener Verein, der sich für die Belange benachteiligter Menschen einsetzt. Eine Kehrtwende, die nicht nur in Braunau, sondern in ganz Österreich heftige Kritik hervorruft. „Als würden normale Leute dort drinnen mit einem Gift infiziert, und sie kommen als Nazis wieder raus“, empört sich Günter Schwaiger selbst. Fortan konzentriert sich der 57 Jahre alte Filmemacher auf die Stadtbevölkerung und deren Umgang mit der Vergangenheit. Die Leute erzählen, wie es ist, in einer Projektionsfläche für „das Böse“ zu leben. Selbst an der Peripherie wollte lange niemand seinen Wohnsitz mit „südlich von Braunau“ angeben. „Sag lieber: nördlich von Salzburg“, lautete ein guter Rat. Das Wort „braun“ lässt sich so einfach nicht weglöschen, es war die Farbe der SA, der „Braunhemden“, wie die Uniformierten ab 1924 auch genannt wurden, und es fand sich sogar im Nachnamen von Hitlers Geliebter.

In Braunau aber trifft Schwaiger auf Bürgerinnen und Bürger, die sich im Verein für Zeitgeschichte engagieren, sich seit Jahren um Aufklärung, Forschung und politische Bildung zur NS-Zeit bemühen, die international renommierten „Braunauer Zeitgeschichtetage“ veranstalten.

Die Kamera nimmt auf, wie ein Mann aus Berlin am 20. April einen Kranz gelber Rosen auf der Fensterbank des Hitlerhauses niederlegt, als die Polizei gerade mal eine Stunde nicht hinschaut, zusammen mit der Inschrift „RIP USA“, und er filmt, wie ein aufgebrachter Braunauer die Blumen sogleich in den nächsten Abfallkübel schmeißt. USA stehe für „Unser Seliger Adolf“ erklärt der Berliner noch, bevor er sich trollt. Am Abend steht eine Kerze vor dem Gedenkstein.

Im Internet kursieren gefälschte Fotos von Hitlers angeblichem Geburtszimmer, dunkel und klein. Tatsächlich sind die Räume groß, hell und bis auf vereinzelte Schutthaufen leer. Schwaiger darf sie nur kurz einmal betreten. Wo genau Familie Hitler untergebracht war, lässt sich nicht mehr sagen. Adolf Hitler war nach seiner Machtübernahme nur noch einmal in Braunau, 1938, kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich. Augenzeugenberichten zufolge soll er an seinem feierlich geschmückten Geburtshaus vorbeigefahren sein, ohne es eines Blickes zu würdigen.

Weil sich auf der Baustelle nichts rührt (übrigens bis heute), gerät Schwaigers Film immer mehr  zur Anklage. „Warum fällt es einer Gesellschaft so schwer, sich dem Fakt der Mittäterschaft zu stellen? Lag es daran, dass die Mittäter nicht die Minderheit, sondern die Mehrheit stellten? Und diese Mehrheit aus Scham, Schuld und politischen Kalkül der Wahrheit nicht ins Auge blicken wollte?“ fragt der Regisseur.

Als Schwaiger dann auf eine Notiz in der Provinzzeitung „Neue Warte am Inn“ vom 10. Mai 1939 stößt, in der es heißt, Hitler wünsche, dass sein Geburtshaus zu Büros der Braunauer NSDAP-Kreisleitung umgebaut werde, erkennt der Regisseur darin eine bittere Ironie der Geschichte. Die Parallele sorgt für einigen Wirbel: Der Wiener Historiker Oliver Rathkolb, Mitglied der Hitlerhaus-Kommission, macht kein Hehl aus seiner Empörung: „Die NSDAP ist und bleibt eine verbrecherische Organisation. Der Kommission vorzuwerfen, man würde bewusst oder unbewusst den Willen Hitlers umsetzen, ist absurd.“ Wie auch immer – Schwaiger hat es geschafft, dass Österreich über das Thema diskutiert.

Deutlich weniger Beachtung fand übrigens jahrzehntelang das Geburtshaus von Hitlers Hetzer Joseph Goebbels in Mönchengladbach-Rheydt. Der Künstler Gregor Schneider kaufte  es 2014, wohnte dort eine Weile, um sich der Stimmung des Ortes auszusetzen, fotografierte das Milieu, entkernte das Gebäude dann vollständig und ließ mehrere Lkw mit Bauschutt davon für eine Ausstellung ins Warschauer Nationalmuseum karren. Keinesfalls sollte das Haus eine Kultstätte für alte und neue Nazis werden.

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