Berlin: Wenders zeigt "Pina" in Berlin

Berlin : Wenders zeigt "Pina" in Berlin

Es ging revolutionär zu am Wochenende in Berlin. Im Wettbewerb der Berlinale, wo normalerweise bevorzugt Vergewaltigungsdramen aus den Karpaten oder karg inszenierte Bitterkeiten aus Schurkenstaaten gezeigt werden, regierte für einen Tag die Heiterkeit. Es wurde laut gelacht, und am Ende ließ man sich gar verzaubern. Angeschoben haben den Putsch der Fröhlichkeit die Schwestern Samdereli mit ihrer Komödie "Almanya – Willkommen in Deutschland". Es geht darin um eine liebenswerte türkische Familie in Deutschland, um das Leben der ersten Generation von Gastarbeitern, und erzählt wird im Tonfall der Fernsehserie "Türkisch für Anfänger", an deren Drehbuch die Dortmunderinnen Nesrin und Yasemin Samdereli mitgeschrieben haben: schnell, pointiert, mit viel Platz fürs Absurde.

Es ging revolutionär zu am Wochenende in Berlin. Im Wettbewerb der Berlinale, wo normalerweise bevorzugt Vergewaltigungsdramen aus den Karpaten oder karg inszenierte Bitterkeiten aus Schurkenstaaten gezeigt werden, regierte für einen Tag die Heiterkeit. Es wurde laut gelacht, und am Ende ließ man sich gar verzaubern. Angeschoben haben den Putsch der Fröhlichkeit die Schwestern Samdereli mit ihrer Komödie "Almanya — Willkommen in Deutschland". Es geht darin um eine liebenswerte türkische Familie in Deutschland, um das Leben der ersten Generation von Gastarbeitern, und erzählt wird im Tonfall der Fernsehserie "Türkisch für Anfänger", an deren Drehbuch die Dortmunderinnen Nesrin und Yasemin Samdereli mitgeschrieben haben: schnell, pointiert, mit viel Platz fürs Absurde.

Der Film lässt kein Klischee aus, nach der Einbürgerung serviert der Beamte Eisbein, aber das ist alles so überdreht, dass man es gern sieht — und wann erlebt man schon Albernheiten bei diesem Festival?

Für ebenfalls ungewohnte Zauberhaftigkeit sorgte Wim Wenders. Er präsentierte seine Dokumentation über die Wuppertaler Choreographin Pina Bausch außer Konkurrenz im Wettbewerb, und "Pina" ist gelungen. Das Projekt sei seit Jahren geplant gewesen, verriet Wenders, Bausch und er hätten gemeinsam Regie führen wollen, aber sie wussten nicht recht, wie sie Tanz auf der Leinwand nachvollziehbar machen sollten. Als Wenders 2007 seinen ersten 3D-Film sah, habe er die seit zwei Jahrzehnten mit ihm befreundete Bausch noch im Kino angerufen: "Jetzt weiß ich, wie es geht!" Man arbeitete bereits an dem Film, als Bausch am 30. Juni 2009 überraschend starb. Und nach einer Pause wurde Wenders von den Tänzern des Wuppertaler Tanztheaters überredet: Mach weiter! Pina zu Ehren. "Ein Film für Pina Bausch von Wim Wenders", steht nun auf dem Filmplakat.

Wenders holte also die 3D-Technik in den Autorenfilm, auch das ist revolutionär, und ihm gelingt eine kurzweilige Seance, eine plastische Beschwörung des Schönen. Er suchte vier Stücke von Bausch aus — "Café Müller", "Le Sacre du printemps", "Vollmond" und "Kontakthof" —, ließ sie neu tanzen und filmte sie mit zwei 70 Kilogramm schweren Spezialkameras, die wie ein Augenpaar angeordnet sind. Bausch spricht selbst über ihr Werk, und ihre Tänzer reden über die Zusammenarbeit mit der Chefin: "Macht's schön", habe sie vor Aufführungen stets gesagt. Wenders lässt die Ensemblemitglieder auch draußen auftreten, Spitzentanz vor der Zeche, Leidenschaft unter der Schwebebahn, und nach 90 kurzweiligen Minuten erreicht er, ohne je die Grenze zum Pathetischen oder Kitschigen zu überschreiten, das von Pina Bausch formulierte Ziel: etwas ahnbar zu machen.

So viel Leichtigkeit tat gut. Heute Morgen läuft ein russischer Film im Wettbewerb. Er spielt an jenem Samstag in Tschernobyl, als ein Reaktor im Kernkraftwerk explodierte. Die Menschen wissen, was das für sie bedeutet, heißt es in der Ankündigung: "Sie sind erbarmungslos ihrem Schicksal überlassen."

(RP/csr)
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