„Weil Du nur einmal lebst“: So nahe kommt man den Toten Hosen nie wieder

„Weil Du nur einmal lebst“ : So nahe kommt man den Toten Hosen nie wieder

Die Toten Hosen stellen bei der Berlinale die Dokumentation über ihre Tournee vor. Entstanden ist eine mitreißende und unheimlich gut klingende Produktion. So nah wie in diesem Film kommt man der Band nie wieder.

Über weite Strecken dieser Dokumentation ärgert man sich. Darüber, dass man den falschen Job hat und ständig im Büro hockt: ­Tastatur statt Deutschland-Tour. Viel lieber wäre man nämlich Rockstar. Immer schön on the road. Gefeiert werden. Jeden Abend mit den Kumpels auf die Bühne. Tagsüber Tischtennis spielen, bisschen backstage sitzen und Bierchen trinken. Aber dann kommt die Stelle, an der Campino von einem Hörsturz ausgeknockt wird. Konzerte werden abgesagt, Fans sind enttäuscht. Und der arme Kerl sitzt bedröppelt in einem Berliner Restaurant, vor sich einen leeren Teller. Die Jungs sind bei ihm, und sie wissen nicht so genau, ob sie jetzt einen Scherz machen sollen oder ob das hier zu ernst ist. Deshalb schweigen alle. Bis Campino diesen großen Satz spricht: „Ohren auf bei der Berufswahl.“

Die Toten Hosen präsentierten gestern bei der Berlinale ihren Film „Weil du nur einmal lebst“. Regisseurin Cordula Kablitz-Post hat die Band im vergangenen Jahr auf ihrer Tournee begleitet, Paul Dugdale filmte die Gruppe auf der Bühne. Entstanden ist eine mitreißende und unheimlich gut klingende Produktion, die sowohl Bericht aus dem Nähkästchen, als auch Live-Dokument ist. Man folgt den Toten Hosen bei ihrem Einbruch ins Dresdner Schwimmbad. Man fährt mit ihnen zu den Auftritten nach Chemnitz und Argentinien. Und man ist dabei, als sie vor dem Tourfinale mit Fans in der Düsseldorfer Altstadt „Wünsch Dir was“ anstimmen. Die Kamera ist mitunter so nah dran, dass man sich im Kinosessel wegduckt, um nicht Campinos Schweißtropfen abzubekommen.

Der Höhepunkt dieser Doku sind indes die Szenen, die hinter der Bühne spielen. Wie Campino schimpfen kann! Vielleicht nennen sie ihn Motzki, wenn er gerade nicht da ist, man weiß es nicht. Jedenfalls kommen sie von der Bühne, und er ruft Schlagzeuger Vom Ritchie zu, dass das „Shit“ gewesen sei, was er sich zusammengetrommelt habe. Und Breiti bekommt gleich mal ein Arbeitszeugnis ausgestellt: „Du bist entlassen!“ In schwarzen Ledersofas hängen sie wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Andi im Fortuna-Trikot, Kuddel trägt einen Adidas-Bademantel, unter seiner Haut leuchtet viel farbige Tinte, und irgendwann haut einer einen Witz raus, irgendwas Grobes, und dann ist wieder alles gut. Denn: Das hier ist auch ein Film über Freunde. Über eine Gruppe mittelalter Kerle, denen gelungen ist, was sich viele insgeheim wünschen: das Jungsein über die Jugend hinaus zu verlängern.

Im Tourbus gibt es für jeden eine Koje, an der gestreifte Gardinen hängen: Wer seine Ruhe haben will, zieht sie zu. Die anderen tippen auf Handys rum, Campino studiert Konzertbesprechungen der jeweiligen Lokalzeitungen, andere träumen sich ein bisschen weg. Weil Cordula Kablitz-Post die Kamera immer drauf gehalten hat, nahmen die Musiker sie irgendwann gar nicht mehr wahr, und deshalb erhält man herrliche Einblicke in die Binnensoziologie dieser Band-Ehe. Einmal stehen alle fertig gestriegelt und aufbruchbereit vor dem Tourbus. Sie hätten längst auf der Autobahn sein sollen, aber der Monsieur fehlt: „Campino ist immer zu spät“, sagt Vom Ritchie. Und als der Sänger dann endlich kommt, guckt er sehr entwaffnend, und man weiß nicht, ob er ganz leicht schuldbewusst lächelt und ganz unauffällig sorry-meinend zwinkert. Über der Situation liegt ein Seufzer, voller Zuneigung indes, und dann steigen sie wortlos ein und fahren los.

Die Regisseurin tariert die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Musiker aus. Sie begleitet Andi während der fünfwöchigen Hörsturz-Zwangspause zum Bötchenfahren auf dem Unterbacher See, was ziemlich rührend ist. Sie geht mit Campino zum Thaiboxen in die „Kaminari Martials Arts School“ und an den Rhein, wo er kurz mal über das Leben als solches nachdenkt. Sie ist in einem der seltenen Augenblicke dabei, als Breiti das Herz auf der Zunge trägt und mit fast schon kindlicher Aufrichtigkeit verrät, dass er sich wie ein Junkie auf Entzug fühlt.

Der Film dokumentiert auch, dass der Erfolg der Toten Hosen auf einem Gerüst ruht, das von einer familienähnlichen Truppe aufgebaut wurde und instand gehalten wird. Roadies, Betreuer, Tourmanager, Soundmeister sind zum Teil seit Jahrzehnten dabei, und sie halten Campino und Co. den Rücken frei. Sie ermöglichen ihnen, die zu sein, die sie sind. In den Stunden vor den Konzerten leben sie miteinander in den Hallen, sie essen zusammen, und wie es zugeht, zeigt jene Stelle, an der Andi mit jemandem aus dem Team Tischtennis spielt und einen Punkt nur dank eines Netzrollers macht. Was sagt man da? „Entschuldigung!“ Bevor sie auf die Bühne gehen, bilden sie dann einen Kreis wie Fußballer vorm Spiel, das ist das Ritual. Arm in Arm stehen sie, die Köpfe nah beieinander, Campino feuert an: „Jeder Punkt ist wichtig, Leute!“

Anschließend sieht man die Bilder, die alles erklären, die die Essenz dieses Phänomens sind: Die Toten Hosen spielen „An Tagen wie diesen“, es regnet Luftschlangen und Konfetti. Paare knutschen in dem Chaos, der Mob tanzt Pogo, Kreise öffnen und schließen sich, großes Energiefeld. Darum geht es. Die Nacht der Nächte.

Kein Ende in Sicht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Toten Hosen stellen ihren Film auf der Berlinale vor