Geschenktipps für Leseratten Die schönsten Leseerlebnisse zum Verschenken 2024

Kein Geschenk verrät seinen Inhalt so schnell wie ein verpacktes Buch. Dafür halten all die Romane und Sachbücher umso mehr Überraschungen bereit. Wir haben unsere schönsten Leseerlebnisse für Sie versammelt.

Bücher sind beleibte Weihnachtspräsente – die Auswahl ist rieseig.

Bücher sind beleibte Weihnachtspräsente – die Auswahl ist rieseig.

Foto: dpa/Jan Woitas

Nele Pollatschek: „Kleine Probleme“

Dieses Buch ist die ideale Lektüre zwischen den Jahren, denn es handelt von guten Vorsätzen und wie sie allzu oft scheitern, von den kleinen Dramen des alttäglichen Lebens also. Lars, 49, Familienvater und angehender Schriftsteller, will kurz vor Silvester endlich einmal all das erledigen, was in seinem antriebslosen Leben schon immer auf der Strecke geblieben ist. Natürlich klappt das nicht, aber die 1988 in Ost-Berlin geborene Autorin beschreibt die Aufschieberitis, die jeder kennt, so lustig, tragisch, philosophisch und lebensklug, dass es einfach Spaß macht, jede Zeile davon zu lesen. bew
Galiani-Berlin, 208 Seiten, 23 Euro

R. C. Sherriff: „Zwei Wochen am Meer“

Herrliche Wiederentdecktung aus der Kategorie „very british“. Im Original erschien „Zwei Wochen am Meer“ bereits 1931, damals war sein Autor R. C. Sherriff, ein erfolgreicher Mann, der nach Hollywood ging und für ein Drehbuch eine Oscarnominierung bekam. Hier stellt er dem Publikum die Familie Stevens aus London vor. Es ist der Abend vor der alljährlichen Abreise in die Ferien im Seebad Seaview. Die Kinder sind so groß, dass es vielleicht die letzte gemeinsame Reise ist. Der Vater freut sich auf 14 Tage ohne Bürokram und die Mutter wundert sich, dass ihr außerordentlich gut gelaunter Mann den Morgentee am Bett serviert. Jede Figur kommt zu ihrem Recht; ein menschliches, angenehm allmählich erzähltes Buch. hols
Unionsverlag, 347 S., 26 Euro.

K. Holzmann & S. Ehler: „Das Wetter. Buch für Text und Musik“

„Das Wetter“ ist eines der tollsten deutschsprachigen Magazine. Es erkundet die Gegenwart und bringt das Jetzt zum Klingen. Dieser Band versammelt eine Art Best-of aus zehn Jahren, und unter den Beitragenden finden sich bekannte Namen Marius Goldhorn, Ilona Hartmann und Enis Maci. Sie alle wissen, dass der Sound das Entscheidende ist. Allein der Text über die Begegnung mit dem Rapper Pashanim ist das Geld wert. hols
Kiepenheuer & Witsch, 385 S., 22 Euro


Peter Flamm: „Ich?“

Wie schön, dass es noch Zufälle gibt. Wie jener, plötzlich dieses Buch in die Hand zu bekommen und ein wenig Zeit zu haben, darin zu lesen. Erst ein wenig interessiert, dann neugierig, schließlich fasziniert von der Geschichte des Kriegsheimkehrers Wilhelm Bettuch, der auf dem wüsten Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs Pass und damit Identität eines gefallenen Kameraden animmt und nach Rückkehr in die Heimat in dessen Leben eintaucht. Einfach so? Einfach so. Ein gespenstisches, wundersames Buch in bisweilen expressionistischer Sprache. Ein bisschen Wolfgang Borchert glaubt man zu erkennen, vor allem Leo Perutz. Vor fast 100 Jahren ist der Roman erschienen; er war das Debüt von Peter Flamm (1891–1963). Welch ein Glück, dass S. Fischer diese Entdeckung wieder aufgelegt hat – für Leser und Beschenkte. los
S. Fischer, 160 Seiten, 22 Euro

Deborah Levy: „Augustblau“

Wer die britische Autorin Deborah Levy noch nicht kennt, darf sich freuen: Es gibt großartige Bücher zu entdecken. Levy mischt autobiografisches und fiktionales Erzählen, essayistische und lyrische Momente und erreicht damit besonders intensive Charakterbeschreibungen. In ihrem neuen Roman „Augustblau“ erzählt sie von einer Klaviervirtuosin, die sich während eines Konzerts bei Rachmaninows 2. Klavierkonzert böse verspielt und nun erst mal auf Reisen geht. In Athen und Sardinien findet sie sich buchstäblich selbst, und im Grunde ist das der elegant geschriebene Reisebericht einer weiblichen Befreiung. hols
Aki-Verlag, 175 S., 24 Euro

Frank Goosen: „Spiel ab!“

Wer je Fußball in einer Jugendmannschaft gespielt, der weiß, dass auf dem Platz nicht nur Schweißperlen, sondern auch Blut und Tränen fließen. Und die Kabine kann der Ort des größten Jubels und der maximalen Enttäuschung sein. Frank Goosen, der großartige Autor, weiß, wovon er schreibt: Er hat selbst lange in einer Jugendmannschaft gespielt und war später sogar im Aufsichtsrat des VfL Bochum. Sein neuer Roman „Spiel ab!“ ist eine wunderbare und natürlich fiktive Variante einer C-Mannschaft, die plötzlich ohne Trainer dasteht und nun von drei Fußballlehrer-Amateuren betreut wird – mit abenteuerlichen Wendungen. Es sind die aus früheren Goosen-Romanen bekannten Herren Fränge, Förster und Brocki. Die Dialoge der Jugendlichen sind eine eigene Gattung und unschlagbar in ihrer entwaffnenden Lakonie. Sagt der eine zum anderen nach einem versemmelten Freistoß: „Digga, ich mach dich kalt!“ Sagt der Bedrohte: „Ich mach dich kälter!“ w.g.
Kiepenheuer & Witsch, 336 S., 23 Euro

Elif Batuman: „Entweder Oder“

Ehrlich: Dieses Buch ist das witzigste und weiseste des Bücherherbstes. Elif Batuman, Autorin beim Magazin „New Yorker“, erzählt von Selin, die in den 1990er-Jahren in Harvard studiert. Sie trifft in ihrem zweiten Jahr verrückte Professoren und schräge Studierende. Selin steht staunend auf Partys und sitzt in Sprechstunden, und irgendwann kommt auch noch Liebeskummer dazu. Wer nicht genug bekommen kann: Batumans Vorgängerroman „Die Idiotin“ erzählte von Selins erstem Jahr in Harvard. Man kann beide Bände unabhängig voneinander lesen. hols
C. H. Beck, 400 S., 25 Euro

Jonas Jonasson: „Drei fast geniale Freunde auf dem Weg zum Ende der Welt“

Seine Forrest-Gump-Romanfiguren sind mittlerweile Kult, aber sie verlangen dem Autor auch einiges an Trickreichtum ab, dass er nicht fortwährend Wiederholungen und Variationen desselben Themas produziert. Davor ist sein neuer Roman weitgehend gefeit, abermals ist er ein Schelmenstück. Es nimmt die aberwitzigsten Wendungen, um den Leser zum Lachen zu bringen. Sogar Barack Obama taucht mehrfach auf und erweist sich als Fan schwedischen Käses. Zwischendurch müssen unsere ungleichen Freunde jedoch groteske Konflikte mit verrückten Diktatoren und einem böswilligen Bruder bestehen, der in der schwedischen Botschaft in Rom die Pleite seines Lebens verkraften muss. w.g.
C. Bertelsmann, 448 Seiten, 24 Euro.

Robbert Welagen: „Antoinette“

Ein Mann verbringt einen wehmütigen Tag in einem Thermalbad in Budapest. Seine Gedanken umkreisen „Antoinette“, die Frau, mit der er sein Leben verbringen wollte. In ruhigen, geraden Sätzen erzählt der niederländische Autor Robbert Welagen von den Anfängen und der Festigung einer Liebe, die auf Vertrauen, Achtung, Dauer gerichtet ist. Doch dann bleibt das gewünschte Kind aus, und der Ich-Erzähler wird zum Protokollanten eines unaufhaltsamen, herzzerreißenden Scheiterns. Ein Buch über die Zumutung geplatzter Lebensträume und die Frage, wie Menschen damit umgehen. dok
Oktaven, 154 S., 20 Euro

Stephan Lamby: „Ernstfall: Regieren in Zeiten des Krieges“

Es herrscht wieder Krieg in Europa. Der russische Überfall auf die Ukraine setzt auch politische Entscheidungsträger in Deutschland unter Druck. Die Ampelkoalition bekam keine Schonfrist gewährt und musste bereits wenige Monate nach ihrem Zusammenkommen Entscheidungen unter großer Unsicherheit treffen. Der Journalist Stephan Lamby liefert mit „Ernstfall“ eine Reportage aus dem Inneren der Macht, die genau das nachvollziehbar macht. Über Monate hinweg hat Lamby Bundeskanzler Olaf Scholz und weitere Mitglieder des Kabinetts auf ihren Reisen um die ganze Welt begleitet und interviewt. Das Buch zeigt, in welchen Zwängen Politiker gefangen sind und wie schwer es ist, in Kriegszeiten Entscheidungen zu treffen. Herausgekommen ist ein intimer Bericht, der die entscheidenden Ereignisse der jüngeren Vergangenheit aus einem spannenden Blickwinkel zeigt. grz
C. H. Beck, 512 S., 26,90 Euro

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Noch wach?“

Es geht um Macht, den Missbrauch von Macht, Medien und menschliche Abgründe: In „Noch wach?“ verhandelt Benjamin von Stuckrad-Barre die „Me too“-Debatte. Die Erzählung handelt von einer jungen Frau, die bei einem TV-Sender arbeitet und anzügliche Nachrichten vom Chefredakteur erhält. Die beiden haben eine Affäre, die der Karriere der jungen Frau zugute zu kommen scheint. Doch die Macht in dem Verhältnis ist denkbar asymmetrisch verteilt. Stuckrad-Barres Buch ist ein Roman, viele sehen in der Erzählung aber markante Parallelen zum Axel-Springer-Verlag und dem Fall Julian Reichelt. Nicht zuletzt deshalb sorgte das Werk in diesem Jahr für Aufsehen. grz
Kiepenheuer & Witsch, 384 S., 25 Euro

Robert Seethaler: „Das Café ohne Namen“

Es sind häufig die kleinen Leute, die See­thaler zu seinen Protagonisten wählt. Einfache Menschen mit einem einfachen Leben. Nichts Besonderes eigentlich, aber wenn Seethaler sie beschreibt eben doch: Die Geschichte spielt im Wien der 60er-Jahre. Der Gelegenheitsarbeiter Robert Simon eröffnet am Karmelitermarkt eine bescheidene Gastwirtschaft. Während die Stadt drumherum 20 Jahre nach Kriegsende einer neuen Zeit entgegengeht, wird das kleine Café zum Treffpunkt für die Menschen aus dem Viertel – für ihre Geschichten, Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen. Der Leser begleitet Robert Simon und seine Gäste durch die Jahre und sich wandelnde Zeiten in einer aufstrebenden Stadt. Eine Geschichte des Aufbruchs. ha
Claassen-Verlag, 288 Seiten, 24 Euro

Stefan Hefele, Daniel Kordan, Eugen E. Hüsler: „Berge“

Für dieses Buch sollte man sich Zeit nehmen und auch ein wenig Platz schaffen: Wer beides hat, den erwartet eine bildgewaltige Reise von der Arktis bis zu den Azoren. Preisgekrönte Fotografen zeigen die Gebirge Europas als eigene Welt: Hochebenen, Gipfel, Gletscher, Schluchten und Steilwände aus neuen Perspektiven und in zum Teil atemberaubendem Licht. Betrachter und Leser bekommen Gegenden zu sehen, in die der normale Wanderer niemals vordringt. Aber auch bekannteres Terrain wie das Allgäu oder die Dolomiten inszenieren die Bildmacher völlig neu. Dazu gibt es jede Menge Wissenswertes zu Sagen, Mythen und Wanderungen auch aus entlegenen Gebieten. Ein XXL-Bildband zum Schauen, Staunen und Lernen – nicht nur für Bergliebhaber, sondern für jeden Naturfreund. ha
Frederking und Thaler, 288 Seiten, 98 Euro

Andreas Pflüger: „Wie sterben geht“

Ein missglückter Gefangenenaustausch auf der Glienicker Brücke ist Aufhänger dieses rasanten Spionagethrillers. Darum spinnt sich die Geschichte von BND-Analystin Nina Winter, die von der Routine geplagten Schreibtischtäterin zur Top-Spionin in Russland wird. Dort hat sie im KGB bald einen mächtigen Todfeind. Nur wenn sie diejenige wird, vor der sich alle fürchten, hat Nina eine Chance zu überleben. Pflüger schöpft aus fundiertem Wissen und gewissenhafter Recherche. Und auch wenn die Geschichte im Kalten Krieg der 80er-Jahre spielt: Die Bezüge zu aktuellen Ereignissen sind unübersehbar. ha
Suhrkamp Verlag, 448 Seiten, 25 Euro


Zadie Smith: „Betrug“

Fake News hat es immer schon gegeben: 1866 taucht zum Beispiel ein Mann in London auf und behauptet, ein seit mehr als einem Jahrzehnt auf See verschollener reicher Adeliger zu sein. Der hässliche, ungehobelte Mann, der überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem weltgewandten Angehörigen der Oberschicht aufweist, für den er sich ausgibt, wird dennoch zum Medienstar der Unterprivilegierten, zum lebenden Beweis dafür, dass man es „denen da oben“ einmal richtig zeigen kann, wenn man nur genügend Dreistigkeit besitzt. Die Bezüge zu Gegenwart im ersten historischen Roman der britischen Autorin und Hochschullehrerin sind deshalb so frappierend, weil es den kuriosen „Tichborne Case“ tatsächlich gegeben hat, auf den das Buch ebenso unterhaltsam wie nachdenkenswert anspielt. bew
Kiepenheuer & Witsch, 528 Seiten, 26 Euro

Navid Kermani: „Das Alphabet bis S“

Das ist ein absolut ungewöhnlicher Roman, in dem der in Köln lebende Autor, Orientalist und Friedenspreisträger in eine Ich-Erzählerin schlüpft und sie die Wechselfälle des Lebens bedenken lässt. Sie, das ist eine aus dem Iran stammende erfolgreiche Autorin, Essayistin und Journalistin, damit dem Autor in manchen Bezügen nicht unähnlich. Sowieso rätseln die Leser seit Erscheinen des Buches, was es eigentlich sei: ein Roman, ein Essay, ein Sachbuch, gar eine Autofiktion? Das sind unerhebliche Fragen für diesen wilden Lesestoff, der als Tagebuch daherkommt, unterteilt ist in die vier Jahreszeiten und gegliedert in 365 Abschnitte, also die Tage eines ganzen Jahres. Doch auf diese Ordnung bleibt es auch schon beschränkt. Es gibt nämlich kein Datum, nur wenige Ortsangaben, keine verlässliche Chronologie. Stattdessen den Vorsatz der Erzählerin, in einem Jahr ungelesene und damit tote Bücher zur Hand zu nehmen und zu lesen, wenigstens in Ausschnitten – und zwar von A bis Z. Das gelingt nicht vollständig, der Titel verrät es. Was bleibt, ist ein Buch voller Bücher, voller Gedanken, Zitate, Erinnerungen – in einem Jahr, das die Erzählerin gegen Ende ein „schlimmes Jahr“ nennt, und nur nach menschlichem Ermessen stünde fest – so heißt es –, „dass es nicht noch schlimmer kommen wird“. los
Hanser, 592 Seiten, 32 Euro

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