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Weggang des Ballettchefs aus Düsseldorf

Tanzstadt Düsseldorf : „Schläpfer war nicht mehr zu halten“

Der Ballettchef wechselt 2020 nach Wien. Das löst in der Stadt großes Bedauern aus. Doch mit einer ausgezeichneten Kompanie und dem Balletthaus als Probenzentrum sieht sich die Stadt gut gerüstet für die Nachfolgesuche.

Ein bisschen hat der Wechsel schon begonnen: Martin Schläpfer ist gerade in Wien, stellt sich dort den Tänzern und Mitarbeitern vor, mit denen er ab 2020 arbeiten wird. Die Chance, Direktor des Wiener Staatsballetts zu werden, also die Kompanien der Staatsoper, der Volksoper sowie die Wiener Ballettakademie zu leiten, wollte der amtierende Chef des Ballett am Rhein nicht mehr ausschlagen. Andere Angebote zuvor hatte er noch abgelehnt. Doch am Freitag gab er bekannt, dem Ruf aus Wien zu folgen.

In der Stadt ist das mit großem Bedauern, aber wenig Überraschung aufgenommen worden. Nachdem sich Schläpfer zuletzt mehr und mehr aus der organisatorischen Verantwortung für das Ballett am Rhein gezogen hatte, um sich ganz auf sein künstlerisches Tun konzentrieren zu können, hatten viele einen Wechsel erwartet.

„Ich bin glücklich, dass wir Martin Schläpfer mehr als zehn Jahre in Düsseldorf und Duisburg halten konnten. Er hat uns großartige Choreografien geschenkt, eine Kompanie von Weltruf aufgebaut, das Publikum begeistert, aber irgendwann reift bei einem solchen Künstler der Wunsch nach Neuanfang, und dann ist er nicht mehr zu halten“, sagt Kulturdezernent Hans-Georg Lohe (CDU). Sein Weggang habe nichts mit Geld zu tun. Im Zuge der Vertragsverhandlungen mit Opernintendant Christoph Meyer 2016 seien noch einmal zusätzliche Mittel für Oper und Ballett beschlossen worden. Stadt und Opernintendanz hätten sich also nichts vorzuwerfen.

Nach Schläpfers Ankündigung, Düsseldorf zu verlassen, war Kritik an der Stadt laut geworden. Sie habe Schläpfer nicht optimal ausgestattet und zu wenig getan, um Düsseldorf als Standort des Spitzentanzes zu vermarkten. Der frühere Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) sieht das gelassener. Mit den großen Aufgaben, die in Wien auf Schläpfer warten, habe Düsseldorf nicht konkurrieren können. Insofern sei der Stadt auch kein Vorwurf zu machen. „Man hat sicher alles getan, um Schläpfer zu halten, aber das war keine Frage mehr von Geld oder Stellen. „Ich hatte schon früher mit Schläpfers Weggang gerechnet, dass er sich nun entschieden hat, ist nachvollziehbar, aber trotzdem traurig“, so Grosse-Brockhoff.

Auch die Leiterin des Tanzhauses NRW, Bettina Masuch, findet Schläpfers Schritt nachvollziehbar, aber „sehr, sehr schade“. Schläpfer habe das Ballett am Rhein zu einer der spannendsten Kompanien Deutschlands gemacht, einen solch herausragenden Kollegen zu verlieren, sei bedauerlich. Die Chefin des Tanzhauses NRW hofft, dass die Nachfolgesuche auch Anlass wird, über die Zukunft der Tanzstadt Düsseldorf nachzudenken. „Mit dem Ballett am Rhein und dem Tanzhaus NRW gibt es zwei Spitzeninstitutionen in der Stadt, die bundesweit Beachtung finden“, sagt Masuch, „das könnte die Stadt durchaus offensiver nach außen tragen.“ Der Prozess, nach Düsseldorfs kultureller Identität und ihrem Selbstverständnis als Tanzstadt zu fragen, hat für Masuch mit dem Kulturentwicklungsplan erst begonnen. „Welche Rolle spielt der Tanz in der Stadt? Welche Institutionen sind für welche Gruppen zugänglich und wie könnte sich eine Öffnung vollziehen? Es wäre toll, wenn solche Fragen im Zuge der Nachfolgesuche gemeinsam besprochen würden“, sagt Masuch. Dann müsse auch darüber diskutiert werden, ob es nicht sinnvoll sei, künstlerische Aufgaben und die Verwaltung einer Kompanie, die wie das Ballett am Rhein in zwei Städten verankert ist, zu trennen. „Die Berlinale hat sich gerade auch für eine Doppelspitze entschieden“, sagt Masuch.

Manfred Neuenhaus, kulturpolitischer Sprecher der FDP, sieht die Stadt vor allem Dank des Balletthauses gut gerüstet für die Nachfolgesuche. „Wir haben schon 2014 gesagt, dass wir das Balletthaus nicht für Schläpfer bauen, sondern dafür, dass eine hervorragende Kompanie auch nach einem Wechsel ihr Niveau halten kann“, so Neuenhaus. Düsseldorf habe „herausragende Tänzer, beste Probenbedingungen und ein Publikum, das sich für die Leistung der Kompanie begeistern könne.“ Auch Kulturpolitiker Friedrich Conzen (CDU) glaubt, dass das Publikum für die Nachfolgesuche eine Rolle spiele. „Schläpfer hat viele Zuschauer für zeitgenössisches Ballett geöffnet“, so Conzen, „sie mussten sich daran erst gewöhnen, aber nun tragen sie es mit – das müsste für einen Nachfolger interessant sein.“

Schläpfer sei bei seiner Berufung ein Kandidat gewesen, der „auf der Hand gelegen habe“, sagt Grosse-Brockhoff, einen solchen zwangsläufigen Bewerber sieht er derzeit nicht, vertraut aber in die Findungsqualitäten des Kulturdezernenten. „Lohe hat bisher in der Besetzung der Spitzenposten in der Kultur eine sehr glückliche Hand bewiesen“, sagt Grosse-Brockhoff, „das macht er besser als ich damals.“ Für die Nachfolgesuche hat er einen Rat: „Reisen und reden“, um einen guten Kandidaten zu finden, müsse man Arbeiten anschauen und mit Experten reden.

Die Nachfolgesuche sei nun vor allem Sache des Generalintendanten der Rheinoper, sagt Kulturdezernent Lohe und fügt an: „Wir haben eine hervorragende Kompanie, beste Probebedingungen und werden zeitnah, aber ohne Eile eine gute Nachfolge suchen. Das Ballett am Rhein ist und wird auch in Zukunft eine tragende Säule der Kulturlandschaft von Düsseldorf bleiben.“