"Katharina die Große": Was soll man dazu sagen?

"Katharina die Große" : Was soll man dazu sagen?

Katharina Grosse ist international ein Shootingstar. Sie findet selbst keinen Namen für ihre besprühten Erdhügel.

Katharina Grosse ist selbst ratlos. Sie steht in ihrem gigantischen Farbraum, den sie im Düsseldorfer Museum Kunstpalast mit Ebenen, Hügeln, Faltenwürfen und großporigen Böden erschaffen hat. So etwas gab es noch nie in einem Museum. Auch sie selbst findet keinen Namen für diese Art von Kunst. Es ist mein größtes Werk, das ich je schuf, sagt sie. Es verändert sich mit jedem Schritt, den ein Mensch in den Raum setzt. Im nächsten Jahr wird alles weggeräumt. Nichts bleibt von diesem "Bild" außer Erinnerung und Tonnen von Restmüll.

Eine zierliche Person ist sie mit offenem Blick. "Katharina die Große" nennt man sie in Berlin, wohin sie gegangen ist, als es sie aus dem lärmenden Düsseldorf fortgezogen hat. International gilt sie als Shooting-Star. 1989 hat Grosse das erste Mal zur Spritzpistole gegriffen: In der Kunsthalle Bern sprühte sie Grün in eine Ecke des Raumes. Die Idee dabei war, die Malerei im Raum unabhängig von Größenverhältnissen und Relationen zu entwickeln. Seitdem ist Katharina Grosse die Künstlerin, die mit der Pistole malt.

In ihrer Karriere hat sie schon vieles besprüht, Bälle und Betten, Steine und Styropor, Seide, Holz und jetzt Erderhebungen. Sie ist die Malerin der neuen Welt. Denn sie hat die Malerei erweitert, ihre Grenzen negiert. Respektlos und anarchisch sind Grosses Impulse, und ihre Gefühlslage ist getrieben von Dringlichkeit. Wut und Ärger über gesellschaftliche Strukturen können sie richtig heiß machen. Dann lässt sie Aggressionen hinaus.

Das Gefühl sei nicht speziell. "Es kommt alles vor", sagt sie, " Kunst ist ein Amalgam aus allen Bedingungen, die uns umgeben und ausmachen." Die passende Inszenierung eines Bildes am richtigen Ort ist das Hauptanliegen einer Malerin wie Grosse. Dann erst stellt sich die Frage des Materials. Stoff und Erde hat sie zusammen verbaut in ihrer ersten begehbaren Arbeit dieser Dimension. Und es hat Spaß gemacht, sagt sie. "Inside The Speaker" heißt die Rauminstallation, ein Titel, der ihr im Laufe der Zeit eingefallen ist. Im Englischen kann das Lautsprecher und Sprecher bedeuten. "In diesem Raum sieht man sich selbst nicht mehr als soziale Person, alles fällt von einem ab, wenn man hineingeht."

Der Malerei ist Grosse nicht untreu geworden, es gibt auch in dieser Ausstellung kleinere Bilder auf Leinwand. Sprühen ist für sie Malen, es ist nur ein anderes Werkzeug, ein anders gelenkter Farbauftrag. "In jedem Fall ist der Baustein die rohe Farbigkeit. Sie ist die Quelle, aus der sich alles entwickelt."

Grosse hat von anderen viel gelernt, sagt sie. Von ihrer Mutter, die eine großartige Zeichnerin ist, von ihren Lehrern Norbert Tadeusz und Gotthard Graubner an der Kunstakademie Düsseldorf, von Erwin Heerich in der Zeit, als sie auf der Insel Hombroich gearbeitet hat. "Das gemalte Bild bleibt meine Basis", sagt sie, und dass sie keine Bildhauerin sein will. Das Spannende an den malerischen Prozessen? "Dass Farbe aus zwei Komponenten besteht, nämlich aus Ton und Materialität. Wenn das Immaterielle und das Materielle aufeinandertreffen, ist das wie ein Schock." Grosse sagt: "Ich kann im Denken grenzenlos sein, alles ist möglich, aber in der Materialisierung gibt es plötzlich Widerstand. Das ist ein Paradox, aus dem eine Reibung entsteht, die elementar ist. Und diese elementare Reibung ist der Kern meiner Arbeit."

Mit ihrer farbenfrohen Kunst, dem Sprühen und Malen über Ecken, Kanten und Räume hinweg, nimmt Katharina Grosse eine extreme Position ein. Ähnlichkeiten mit anderen Künstlern sind ausgeschlossen. Niemand arbeitet so wie sie, die antritt, das Bild einzuschreiben in andere und aufregendere Strukturen. Wie wird das alles weitergehen? Was kommt nach der Raumeroberung - nach Tonnen von Erde und XXL-Räumen?

Künstlerisch ist sie unentschieden. "Ich ahne es nicht einmal", sagt sie. Persönlich könnte sie sich einen Rückzug vorstellen. "Dann bleibe ich im Atelier und lasse die Ausstellungen einfach mal sein."

(RP)