1. Kultur

Was Poesiealben über den Wertewandel verraten

Von wegen harmlose Reime : In allen vier Ecken...

Poesiealben sind ein Ort für Sinnsprüche unter Freunden – und verraten, was Menschen wichtig ist. Das macht sie für Forscher interessant.

Die beste Freundin bekam das geliebte Engelchen-Glanzbild mit Silberstaub. Die Mutter zog mit Bleistift feine Linien auf die Blankoseiten, die ausradiert wurden, wenn das Vorhaben gelungen war. Oma kannte die rührendsten Reime. Und dann hieß es: Luft anhalten, nur keinen Fehler machen und in schönster Mädchenhandschrift auf die Seite schnörkeln: „Ins Album schreib ich gern hinein, weil ich nicht möcht vergessen sein, doch will ich auch im Herzen stehn, weil‘s Album könnt verloren gehn.“

Poesiealben sind Stammbücher der ersten Freundschaften im Leben. Sie führen ihren Besitzern reich verziert vor Augen, welche Bindungen sie bereits geknüpft haben, dass sie Teil eines sozialen Gefüges sind. Insofern sind sie intim wie ein Tagebuch, halten sie doch fest, wer einem in der Zeit des Aufwachsens begegnet ist und welche Sinnsprüche diese Menschen bedeutsam fanden. Erwachsenenweisheiten meist wie: „Die Liebe gibt Freude, die Tugend gibt Ruh. Drum wähle sie beide und glücklich bist du!“ Oder Humoristisches: „Bleibe lustig, bleibe froh wie der Mops im Paletot.“

Zugleich sind Poesiealben die ersten halböffentlichen Dokumente, in denen Kinder schriftliche Spuren hinterlassen. Die meist quadratischen Bücher, teils mit Goldschnitt und kleinen Schlösschen versehen, sind also Freundschaftsbeleg, Sinnspruchsammlung, biografische Vergewisserung. Man reichte sie in der Familie herum, bei den Freunden, hielt sich dabei streng an die Beliebtheitshierarchie. Und wer all seinen Mut zusammennahm, gab das Buch auch den tollsten Lehrern. Die Verse, die man dann in Feinschrift und mit Blümchen und Glanzbildern verziert zurückbekam, empfahlen einem ein pflichtbewusstes, tugendhaftes Leben und beschworen das Vergiss-mein-nicht ewiger Freundschaft. Dafür musste man schwülstige Naturmetaphern und holprige Reime in Kauf nehmen: „Wenn Berg und Tal uns trennen, wenn wir uns nicht mehr kennen, dann schau auf dieses Blatt, wer dir dies geschrieben hat.“

Im Laufe der 1980er Jahre wurden Poesiealben allerdings von stärker formalisierten Freundschaftsbüchern abgelöst mit prosaischen Titeln wie „Meine Freunde“ oder „Meine Schulklasse“. Darin sind Streckbrief-Fragen zu Hobbys, Spitznamen und Mag-ich/mag-ich-nicht-Vorlieben zu beantworten. Die Linien dafür sind vorgezogen und ein Feld fürs Selfie gibt es auch. Das ist bequemer, schneller, fordert weniger Kenntnis folkloristischer Dichtkunst –  und setzte sich durch. Das Blankobuch, das seine Leser mit Sprüchen entließ wie: „Ich habe mich hier angewurzelt, damit niemand aus dem Album purzelt“ – purzelte selbst aus den meisten Sortimenten.

Dabei haben Poesiealben eine lange Tradition. Schon im 16. Jahrhundert kamen Freundschaftsbücher vor allem in studentischen Kreisen in Mode. Auch damals wurden sie an die Professoren wie an die Kommilitonen weitergegeben und kamen mit Sinnsprüchen und Wünschen versehen zurück. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das „Album amicorum“ in breiteren bürgerlichen Kreisen herumgereicht. Verzierungen wie Scherenschnitte, gepresste Blumen, Stickereien und Haarlocken waren beliebt.

Die Vorläufer solcher Freundschaftsalben sind noch älter. Schon im Mittelalter gab es  genealogische Stammtafeln und Geschlechterbücher, die in Adelskreisen geführt wurden und die Mitglieder einer Familie verzeichneten. Und Turnierbücher, in denen sich Teilnehmer eines mittelalterlichen Wettkampfs mit Namen, Wappen, Wahlspruch verewigten. Die Formen wandelten sich also, die Funktion blieb ähnlich: Menschen sammelten handschriftliche Belege für die Kontakte in ihr soziales Umfeld und verorteten sich damit selbst.

Allerdings gibt es durchaus einen Wandel, was den Inhalt der eingetragenen Sprüche angeht. Die scheinbar harmlosen Reime sind für Forscher heute interessant, weil sich darin abzeichnet, was Menschen wichtig ist. Stefan Walter, Dozent an der Universität Oldenburg hat Tausende Einträge in Poesiealben aus der Zeit zwischen 1949 und 1989 analysiert und dabei nicht nur einen Wandel der Werte im Laufe der Jahrzehnte festgestellt, etwa das Verschwinden frommer Sprüche mit Gottesbezug, sondern auch markante Unterschiede zwischen Ost und West.

„In der DDR hielten die Menschen beharrlicher an bürgerlichen Werten wie Fleiß, Leistung, Charakterstärke fest“, sagt Walter, „in der BRD werden die Sprüche nach dem Krieg schnell unverbindlicher, es gibt mehr Scherz- Erinnerungs- und Abschiedsreime, die einer eindeutigen Werteaussage ausweichen.“ Walter nennt das „Wertediskretion“. Im Westen wurde lieber fröhlich die Sonne gepriesen oder das Vergissmeinnicht bedichtet, während die Einträge in der DDR mit Goethe und Schiller an Pflichtbewusstsein und Fleiß appellierten. „Wirklich ideologische Sprüche etwa zum Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates finden sich allerdings verstärkt nur im ersten Jahrzehnt der DDR“, sagt Walter, „mit wachsender Distanz zum System zogen sich viele lieber auf Sprüche des klassischen Bildungskanons zurück.“

Unterschiede gibt es auch darin, wer sich überhaupt in den Poesiealben verewigen durfte. In der DDR waren Verwandte und Lehrer die ersten Vermittler sinniger Sprüche, während die Jungen in der BRD ihre Alben vor allem an die eigenen Freunde weiterreichten. Bei den Mädchen waren auch im Westen Lehrereinträge gefragt. Auffallend auch, wie im Westen in den 1980er Jahren die Farben in den Poesiealben explodierten. Kurz bevor die standardisierten Freunschaftsbücher in der Gunst junger Leute aufstiegen, blühten die Poesiealben noch einmal auf, wurden mit allem verziert, was Glanz und Glitter hergab.

Stefan Walter ist 44 Jahre alt und nahe Leipzig aufgewachsen. Er hat selbst als Junge noch ein Poesiealbum besessen, was an seiner Schule nicht unüblich war. Als Forscher hat er sich  mit der Ausbildung von Werten in Gesellschaften beschäftigt und untersucht, wie politische Systeme darauf auch indirekt Einfluss nehmen. Die Poesiealben nahm er dann für seine Dissertation in den Blick. Er fragte im Bekanntenkreis herum und wandte sich an eine Vereinigung europäischer Ethnologen, um möglichst viele Alben zu bekommen. Bis heute schicken ihm Menschen ihre Erinnerungsbücher zu. „Manche schenken mir die Bücher für die Sammlung, die wir inzwischen an der Uni in Oldenburg begonnen haben“, sagt Walter, „andere Bücher werte ich nur aus und untersuche, welche Werte sich in den Texten abzeichnen.“ Auch mit der NS-Zeit hat er sich in Ansätzen  befasst. Erwartungsgemäß trifft man darin häufiger auf Sprüche mit Bezug zu Volk, Rasse, Nation. Allerdings fand Walter weniger antisemitische Sprüche, als er gedacht hatte. „Das liegt wohl daran, dass Sinnsprüche vor allem positive Ziele formulieren und sich nicht so oft gegen etwas wenden“, sagt Walter.

Und welcher Reim, soll diesen Artikel beenden? Walter entscheidet sich für Goethe: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“