Philosophie und Krieg Was Denker zum Ukraine-Konflikt sagen

Analyse | Düsseldorf · Die Meinungen von Philosophen sind selten mehrheitsfähig. Sie schauen mit Skepsis auf die Gegenwart und erschrecken darüber, wie unkritisch derzeit eine Ästhetik und Rhetorik des Krieges wieder vitalisiert und zelebriert wird.

 Richard David Precht, Philosoph und Publizist.

Richard David Precht, Philosoph und Publizist.

Foto: dpa/Britta Pedersen

Vielleicht ist es ja eine naive Vorstellung – in schier aussichtsloser Lage wieder neu beginnen zu können. Zurück auf Start gewissermaßen, und damit ungeschehen zu machen, was geschehen ist. Ein kindlicher Wunsch, zugegeben, der in Zeiten des Krieges aber auch ein Versuch sein kann, das Unbegreifliche zu durchdringen. Mit Fragen wie: Wo nahm alles seinen Anfang? Was waren die Vorgeschichten zur Geschichte des Ukrainekrieges und was die Vorboten?

Unter den wenigen Denkern hierzulande, die derzeit Analysen wagen, hat sich Alexander Kluge diesen Fragen gestellt. Nach Ansicht des inzwischen 90-jährigen, aber noch immer unermüdlichen Chronisten unserer Zeit und unseres Handelns, müsse man gewissermaßen „den ganzen Apparat resetten“ – auf beiden Seiten, wie er der „Zeit“ sagt. Also zu den Anfangspunkten der Auseinandersetzung zurückkehren, genauer wohl: zurückfinden.

Das dürfte die wohl schwierigste Aufgabe sein, nämlich jenen Punkt auszumachen, an dem für beide Seiten eine Verständigung möglich wird. Kluge nennt das den „Möglichkeitsraum“. Ein historisches Paradebeispiel: Für den Westfälischen Frieden 1648, mit dem der Dreißigjährige Krieg beendet werden konnte, musste man bis zu den Besitzständen der Kriegsparteien von 1624 zurückgehen.

Von einer solchen Suche scheinen die Beteiligten jetzt weit entfernt zu sein. Wenn die Waffen „sprechen“, sind Worte der Vernunft kaum zu vernehmen. „Sowie der Krieg ausbricht, ist alles unbestimmt“, sagt Kluge. Denn: „Niemand beherrscht einen Krieg.“

Was also tun, wenn es an scheinbar allen Ecken und Enden brennt? Erst einmal Klappe halten und abwarten? Es sind nicht viele, die derzeit ein bisschen Durchblick im Getümmel riskieren. Dafür gibt es Gründe. Denn wer es tut, setzt sich schnell der Gefahr robuster Kritik aus. Wer aber die Meinung von Philosophen wertschätzt, darf nicht sofort meckern, wenn zwangsläufig Momentaufnahmen zur Grundlage des Denkens werden.

Richard David Precht hat das unlängst zu spüren bekommen. Der Philosoph räumte im ZDF-Podcast Ukraine zwar das Recht zur Selbstverteidigung ein, doch gebe es auch die „Pflicht zur Klugheit, einzusehen, wann man sich ergeben muss“. Auf Twitter hagelte es Kommentare der Empörung. Für Precht verspreche nur dieses Szenario Hoffnung auf ein baldiges Ende des Blutvergießens, wie er im „Stern“ präzisierte: Putin tritt ab, die Ukraine wird neutral und eine neue Friedens- und Wirtschaftsordnung für Europa entworfen – „unter Einbezug Russlands“.

Ein solches Nachdenken provoziert. Und erregt Widerspruch, etwa von Michael Wolffsohn. Für den in Tel Aviv geborenen Historiker hat allein die Ukraine darüber zu bestimmen, ob sie kapitulieren und den Krieg auf diese Weise beenden wolle oder nicht. „Wir lassen sie im Stich, schauen zu, wie sie abgeschlachtet werden und entscheiden darüber, ob sie durch Kapitulation Ruhe geben sollen? Diese Frage, gerne in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert, verkleidet sich als Moral und ist tatsächlich heuchlerisch, zynisch, unmenschlich, weil wir uns als Herren über das Leben anderer Menschen machen“, so Wolffsohn gegenüber unserer Redaktion.

Was das Denken seit jeher auszeichnet, ist die Skepsis gegenüber allen vermeintlichen Gewissheiten. Das hören wir ungern bei einem Kriegsgeschehen, bei dem scheinbar so eindeutig zwischen Gut und Böse, David gegen Goliath unterschieden werden kann. Das macht es auch einfach, massenhaft zu Demos zu gehen und großen Waffenlieferungen zu zustimmen. Der Krieg habe nach Precht eine große Verwirrung in den Köpfen unserer Politiker angerichtet, habe die Grünen zur Partei derer gemacht, gegen die sie gegründet wurden und die „Stimme der Vernunft ins Kellergeschoss des Bundestages verbannt“.

Eine solche Solidarität mit der vermeintlich guten Seite aber könne gefährlich werden, da sie möglicherweise zu Entscheidungen führt, „die den Raum zum Handeln jenseits der Gewalt verkleinert und nicht vergrößert“. Das sagt Harald Welzer. Der Sozialpsychologe meldet sich in der Debatte mit seinem Unbehagen an der gesellschaftsfähig gewordenen Militarisierung zu Wort.

Die wird für ihn nicht allein sichtbar in der so schnell beschlossenen Aufrüstung der Bundeswehr mit zusätzlich 100 Milliarden Euro. Es ist vielmehr die kriegerische Sprache der Menschen und unsere Akzeptanz eines solchen Redens. Dann werden unangenehme Gefühle bei Harald Welzer wach, wenn jemand tapfer für sein Land kämpfe, wenn Zivilisten aufgefordert würden, Molotowcocktails zur privaten Verteidigung der Heimat zu basteln, wenn eine Ästhetik und Rhetorik des Krieges zelebriert werde, die seit Jahrzehnten nicht mehr gesellschaftsfähig gewesen sei. „Mich erschreckt es, wie rasend schnell ein Narrativ aktivierbar ist, das der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg entstammt und – als hätte es die ganze Zeit als Untoter im mentalen Untergrund geschlummert – frisch aufgerufen werden kann, als seien zwischendurch nicht 100 Jahre und zwei Weltkriege vergangen“, schreibt er im „Stern“.

  
  
 Michael Wolfssohn  
  Foto: Imago

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 Richard David Precht 
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 Harald Welzer

Harald Welzer

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 Alexander Kluge 
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Alexander Kluge Foto: dpa

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Philosophen sind nicht dazu da, Menschen nach dem Mund zu reden. Ihr Denken muss nicht mehrheitsfähig sein, um bedacht zu werden. In diesem unabhängigen Denken liegt die Macht ihrer Worte. Nicht immer zeigten sich in früheren Kriegen hierzulande die Denker so kritisch. Im Oktober 1914 sprach der Philosoph Rudolf Eucken in einem Manifest Deutschland mit diesen fatalen nationalistischen Worten von aller Kriegsschuld frei: „Wir können die vergifteten Waffen der Lüge unseren Feinden nicht entwinden. Wir können nur in alle Welt hinausrufen, dass sie falsches Zeugnis ablegen wider uns. Glaubt, dass wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.“ Zwar mag Eucken heute ein Vergessener unter den deutschen Denkern sein. Ohne Einfluss war er nicht. 1908 zeichnete ihn Stockholm mit dem Nobelpreis für Literatur aus.

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