1. Kultur

Was die Filme von Aki Kaurismäki mit der Corona-Pandemie zu tun haben

Der Regisseur aus der „Corona-Bar“ : In Helsinki beißt das Virus auf Granit

In Aki Kaurismäkis Filmen wird – typisch für Finnland – wenig geredet. Das erklärt sogar, warum dort die Corona-Zahlen kaum steigen.

Es ist bitterkalt an diesem Wintertag in Helsinki, und weil es Ilona, der Supermarktkassiererin, neben Nikander, dem Mann von der Müllabfuhr, nicht wärmer wird, sagt sie bei ihrem frostigen ersten Rendezvous: „Ich möchte ein Eis!“

Das ist aber auch schon einer von Ilonas (Kati Outinen) langen Sätzen. Meistens sagt sie nichts. Nikander passt das gut, denn er will auch nichts sagen. Also sitzen sie unterkühlt nebeneinander in Aki Kaurismäkis frühem Meisterwerk „Schatten im Paradies“ von 1986 und rauchen. Ihre Prognose als Paar? Eisig, dem Augenschein nach. Aber in Finnen kann die Glut toben, und keiner merkt es.

Während wir Mitteleuropäer über Verfahrenswege streiten, wie wir mit Corona umgehen sollen, sind die Finnen uns wieder mal um Loipenlängen voraus. In Finnland ist die Zahl der Neuinfektionen seit Wochen gering, das Bruttoinlandsprodukt ist nur wenig gesunken, schnell haben sich die digital hochgerüsteten Finnen ins Homeoffice verzogen – und dabei haben sie geschwiegen. Stundenlang. Das lieben sie. Es ist ja auch gesund: Wer nicht redet, überträgt weniger Viren. Mit Fremden reden die Finnen sowieso nicht gern in Coronazeiten. Gerade haben sie uns Deutschen wieder eine Hürde aufgebaut. Zwei Wochen Quarantäne bei Einreise.

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In den Filmen des großen finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki ist diese Sprachlosigkeit, die nicht aus Not, nicht aus einer chronischen Wortfindungsstörung, sondern aus Tradition geboren ist, zum Programm geworden. Manchmal verzweifelt man an seinen Filmen, weil man glaubt, die Tonspur auf der DVD sei ausgefallen. Doch dann, nach endlosen Minuten des Schweigens, fällt so ein Satz wie der mit dem Eis, und dann ist alles wieder gut. Vorerst. Dann ziehen die Leute wieder ihre unsichtbaren Masken auf und stieren ins Ungewisse.

„Schatten im Paradies“ ist der erste Teil von Kaurismäkis „proletarischer Trilogie“, in der kleine Leute mit viel Strampelei ihre täglichen Misslichkeiten bewältigen. Liebe ist oft eine Hängepartie, denn Galanterien liegen dem finnischen Mann nicht so.

Der Abschluss dieser Trilogie war 1990, also vor 30 Jahren, „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, fast ein Anti-Kultfilm aus ärmsten Verhältnissen, in dem Iris (abermals die unvergleichliche Kati Outinen) von ihren Eltern und ihrem Liebhaber so würdelos behandelt wird, dass sie alle Beteiligten mit Rattengift umbringt. Ins Gefängnis geht sie mit erhobenem Haupt.

Neben dem ganzen Jammer, der natürlich auch anderswo herrscht, aber in Finnland, bei Kaurismäki, immer eine Dimension von nationaltypischer Lakonie besitzt, leuchtet in diesen Filmen ein zarter Humor auf. Denn diese Wortlosigkeit hat mitunter etwas herrlich Situationskomisches. Dabei sind es keine komponierten Kommunikationsdesaster, die im Nonsens enden, vielmehr erlebt man die Stille als Knarren und Rauschen unter Menschen, die sich sozusagen in sich selbst eingerichtet haben. Man beobachtet sie dann im Labor ihres Lebens, und wenn sie ihren Kaffee kochen, eine Zigarette anzünden, eine Bierflasche aufmachen und dabei aus dem Fenster schauen, hinter dem das graue, oft tatsächlich unwirtliche Helsinki lauert, dann hat diese sparsame Gestik etwas Schnoddriges, latent Witziges.

Offene Komik pflegt Kaurismäki auch, und wenn wir schon über das Jahr 1990 sprechen, dann kommen wir an „I Hired a Contract Killer“ (Vertrag mit meinem Killer) nicht vorbei, einer Kriminalkomödie, in der ein Lebensmüder für sich selbst einen Mörder engagiert, weil er vor dem eigenhändigen Suizid zurückschreckt. Dann aber ändert sich die Ausgangslage, der zu Tode Betrübte atmet plötzlich auf und durch, das Leben möge bitte weitergehen – nur hat er die Kontaktdaten des Killers verloren. Jetzt fürchtet er von jedem Schatten, es könnte der seines gedungenen Mörders sein, den er am liebsten loswerden möchte.

Vielleicht Gelächter erzeugen natürlich die „Leningrad Cowboys“, musizierende Mutanten mit allerlei Marotten, die es sogar real in die Weltmusik geschafft haben. Unvergesslich die Szene mit den zahllosen Bierbüchsen, die lawinenartig aus einem Straßenkreuzer auf den Asphalt vor der Tankstelle rollen. Doch spontan und lauthals lacht man bei Kaurismäki nur selten. Es herrscht ja viel Vergeblichkeit in diesen Filmbiografien. Aber hoffnungslos ist nichts. Schauen wir uns den beinahe unbekannten Kurzfilm „Dogs Have No Hell“ an, in dem ein Mann urplötzlich beschließt, mit einer ihm unbekannten Küchenhilfe (wer wohl: Kati Outinen) nach Sibirien zu reisen und sie zu heiraten. So wird der aschfarbene Himmel der Tristesse von einem zarten Glanz, wie vom Horizont her, angestrahlt.

Solche Ausblicke in eine Zukunft, die nur besser werden kann, trösten den Kaurismäki-Fan in diesen Tagen ungemein. Abhauen als reale Form des Eskapismus ist ein Dauerthema in diesen Filmen, etwa in „Ariel“, dem zweiten Teil der „proletarischen Trilogie“, in dem die Gesellschaft eine Brut ist, gegen die man sich mit Ideenreichtum und Tollpatschigkeit zur Wehr setzen muss. In „Ariel“ gibt es einen der irrsten Banküberfälle der Filmgeschichte, und am Ende schaffen es Taisto, der traurige Held, seine Freundin Irmeli und deren Sohn Riku mit Ach und Krach auf das Schiff „Ariel“, das sie nach Mexiko bringt.

Auch in „Wolken ziehen vorüber“ von 1996 wartet ein freundliches Ende auf den Betrachter, aber der Weg dorthin ist beladen mit Misserfolgen, Hemmnissen, Kündigungen, Krankheiten. Kaurismäki macht sie hier, im ersten Teil seiner „Finnland-Trilogie“, zum Ausdruck einer Gesellschaft in Schieflage; damals wurde Finnland von einer Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit heimgesucht, die vor allem die kleinen Leute ins Mark traf.

Das menschliche Elend, dem mit etwas Glück und noch mehr Zufall ein Happy End gewährt wird, ist Kaurismäkis roter Faden, den ihm mancher auch vorwirft. Immer nur dieses malerische Depri-Helsinki, das sei ja eine Marotte. Mag sein. Doch der Kern bei Kaurismäki ist ja immer die Suche nach der Lösung, dem Ausweg, dem Entkommen. Und die radikale Zuwendung zu denjenigen, für die selbst der Kauf größerer Mengen Rattengift noch schwer ans Portemonnaie geht.

Die jüngsten Werke des Finnen kreisen um Migration, etwa „Die andere Seite der Hoffnung“ oder „Le Havre“. Menschen aus fernen Ländern finden einen Beschützer, doch dieser Schutz wird von der Gesellschaft nicht gewürdigt, im Gegenteil. Rechtes Gesindel wird übergriffig. In beiden Fällen siegt am Ende die Menschlichkeit. In „Le Havre“ überlebt eine Frau sogar eine unheilbare Krankheit. Es ist natürlich Kati Outinen.

Geredet wird auch in seinen jüngsten Filmen nicht viel. Die Leute rauchen, trinken und stieren. Genauso wie in der legendären Kneipe in Helsinki, die Kaurismäki gehört und in der man Billard spielt, einer Sportart, bei der man alles tun muss, nur nicht reden. Die Kneipe heißt übrigens „Corona-Bar“.