1. Kultur

Warum vermeintlich belanglose Tatsachen wichtig sind

Essay über unnützes Wissen : Wussten Sie..?

…dass Pottwale senkrecht im Wasser schlafen? Oder dass eine Frau in Los Angeles einen Felsen geheiratet hat? Unnützes Wissen lässt uns auf versöhnliche Art ahnen, was wir alles nicht wissen.

Statistiken fördern, wenn man sie denn liest, mitunter Erstaunliches zutage. Etwa, dass es in Nordrhein-Westfalen im Zeitraum 2018/2019 insgesamt 44 private Theater mit 1.714.520 Besucherinnen und Besuchern gab. Oha, könnte man jetzt darauf antworten und den Kopf bedeutungsschwer hin und her wiegen, das ist ja beachtlich. Etwas interessanter würde es, schaute man auf die öffentlichen Theater. Von denen gab es 2018/19 insgesamt 127, also fast dreimal so viele, und sie hatten 3.136.459 Besucherinnen und Besucher. Also nicht einmal das Doppelte.

Daraus ließen sich nun eine Reihe kulturpolitischer, haushaltspolitischer oder soziologischer Schlussfolgerungen ableiten, was wir an dieser Stelle gerne anderen überlassen möchten. Uns beschäftigt vielmehr die Frage, was folgende Information mit uns macht: Das Gewicht aller auf der Erde lebenden Ameisen ist etwa genauso hoch wie das aller auf der Erde lebenden Menschen.

Echt jetzt?

Ja. Es gibt schätzungsweise 10.000 Billionen Ameisen auf der Erde, die zu 9500 Ameisenarten gehören und insgesamt etwa gleich viel wiegen wie alle Menschen der Welt zusammen. Daraus folgt? Außer blassem Erstaunen – nichts. Erstmal.

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Auch das hätte man nicht für möglich gehalten, selbst wenn man darüber nachgedacht hätte, was höchst unwahrscheinlich gewesen wäre, weil es definitiv nie und nimmer einen Anlass dafür gab: Die allermeisten Schwäne in Großbritannien sind Eigentum der Queen.

Wieso das denn?

Tatsächlich wurde das entsprechende Gesetz schon im Jahr 1482 erlassen. Damals machten viele Briten Jagd auf Schwäne, wegen des zarten Fleisches und der weichen Federn. Um die Tiere vor der Ausrottung zu schützen, wurden sie unter den Schutz der Krone gestellt. Delfine und Wale vor den Küsten Ihrer Majestät genießen übrigens dasselbe Privileg.

Apropos Wale: ­Pottwale schlafen senkrecht im Wasser mit dem Kopf nach oben, Buckelwale senkrecht im Wasser zuweilen mit dem Kopf nach unten. Auch dafür gibt es sicher eine Erklärung, doch führte sie an dieser Stelle ebenfalls zu weit. Und wussten Sie, dass Menschen und Schweine die einzigen Lebewesen sind, die Sonnenbrand bekommen können? Da lässt sich wenigstens einiges kombinieren.

Derartiges findet sich zuhauf in der beliebten Rubrik „unnützes Wissen“. Das Internet ist voll davon, und es ist beileibe nicht das Schlechteste, was das Netz sonst zu bieten hat. Nun darf man fragen: Sind solche Erkenntnisse nur „nice to have“ oder bringen sie uns, die wir ständig bemüht sind, unseren Informationsspeicher zuvörderst zum Zwecke eines bekömmlicheren Daseins zu füllen, wirklich weiter?

Auf den ersten Blick nicht.

An einer Supermarktkasse steht man in Deutschland durchschnittlich sieben Minuten lang an. Hilft unserer Ungeduld beim Einkaufen tatsächlich wenig. Der Rhinozeros­käfer ist das stärkste Tier der Welt: Er trägt das 850-fache seines Körpergewichtes. Wenn wir mindestens zehn Minuten an der Kasse glücklich überstanden haben und hernach gefühlt zwei Tonnen Gegenstände des täglichen Bedarfs in den Kofferraum unsers Autos wuchten, ist der Rhinozeroskäfer sehr, sehr weit weg.

Im US-Bundesstaat Maryland ist es ausdrücklich verboten, einen Löwen mit ins Kino zu nehmen. Na und? Unsereiner nimmt höchsten harmlose Gummibärchen mit, wenngleich eine ganze Tüte davon. ­Koalas, Affen und Menschen sind die einzigen Lebewesen mit einem individuellen Fingerabdruck. Aber wurden je Affen oder Koalas deswegen einer Straftat, etwa des Klauens von Bananen, überführt?

Die meisten Giraffen sind bisexuell. Das ist weniger relevant als die Tatsache, dass man 40 Minuten braucht, um ein Straußenei hart zu kochen. Der älteste bekannte Goldfisch wurde 41 Jahre alt. Er hieß Fred. Männer mit diesem Namen dürfen dennoch nicht auf ein vergleichsweise biblisches Alter hoffen. Im Gegensatz zu Goldfischen neigen sie dazu, zu viel zu rauchen und zu trinken und im Zweifel zu schnell im Straßenverkehr unterwegs zu sein.

Soweit, so klar. Aber: Im US-Bundesstaat Michigan ist das Haar der Frau rechtmäßiges Eigentum des Ehemanns. 1976 heiratete eine Dame aus Los Angeles einen 50 Pfund schweren Felsen. Das deutsche Wort mit den meisten Konsonanten in Folge heißt „Angstschweiß“. Schafe trinken niemals aus fließenden Gewässern. Die alten Ägypter rasierten sich die Augenbrauen, um den Tod einer Katze zu betrauern. Und verheiratete Männer schlafen meist auf der rechten Seite des gemeinsamen Bettes, wenn man davorsteht.

An dieser Stelle befinden wir uns erkennbar im Nirwana allen Seins und Sinns. Und ab hier betreten wir die wirklich irre, großartige und einzig wahre Zone des Spaßes, ein Schlachtfeld, auf dem schon immer der ewige Kampf gegen die Ratio ausgetragen wurde. Nun gilt es: Gibt es ein Wissen, das man nicht unbedingt braucht – das aber trotzdem wertvoll ist?

Eindeutig ja! Denn vielleicht liegt ja gerade darin der Reiz des unnützen Wissens: dass unser Gehirn zwischen all dem Pflichtstoff einmal durchatmen kann: konfrontiert mit Wissen, das nicht belehrend, sondern erfrischend daherkommt. Der Charme unnützen Wissens besteht vermutlich darin, etwas zu wissen, aber es nicht unbedingt besser zu wissen, denn unnützes Wissen ist in der Regel völlig voraussetzungsfrei. Zum Angeben eignet es sich dennoch hervorragend. Insofern möchten wir dem römischen Politiker und Philosophen Marcus Tullius Cicero ausdrücklich widersprechen, der vor mehr als 2000 Jahren meinte: Unnützes Wissen ist kein Wissen.

Unnützes Wissen lässt uns vielmehr staunen: Klingt wie Fake News, ist es aber nicht. Dann wundern wir uns wiederum, wie viel unnützes Wissen wir behalten, während wir andererseits soviel nützliches Wissen vergessen. Möglicherweise ist unnützes Wissen sogar ein perfektes Gedächtnistraining. Es weckt Neugier nach den skurrilen Hintergründen, denn das Geheimnis des überflüssigen Wissens liegt in seiner Kuriosität.

Zugleich lässt es uns auf eine ebenso amüsante wie versöhnliche Weise ahnen, was wir alles nicht wissen. Und vielleicht ist das ja das Beste am unnützen Wissen: Dass es Dinge gibt, die man nicht wissen muss. Nichtwissen strahlt schließlich seit jeher eine Faszination aus: Ich weiß, dass ich nichts weiß – das uralte Paradoxon.

„Wussten Sie übrigens, dass das Gewicht aller auf der Erde lebenden Ameisen in etwa genauso hoch ist wie das aller auf der Erde lebenden Menschen?“ So könnte der muntere Beginn der Konversation auf einer langweiligen Party lauten, auf der sich alle mal wieder mit den aktuellen Problemen der Zeit beschäftigen.

Wenn aber der oder die Angesprochene dann zur Gegenfrage ausholen sollte: „Wissen Sie eigentlich, dass mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2021 laut Statistischem Landesamt gemessen am Body-Mass-Index übergewichtig gewesen ist, und es deshalb nur eine Frage der Zeit ist, wann dieses Gleichgewicht zwischen Ameise und Mensch kippt?“, dann, ja dann würden unnützes Wissen und nützliches Wissen sogar eine überaus glückliche Verbindung eingehen.

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