Warum uns Barockmusik so gut tut

Musikpsychologie : Barocke Pracht und Herrlichkeit

Wir lieben Barockmusik, weil sie Glanz in den Alltag bringt, feine Melodien – und Ordnung. Trotzdem bietet sie oft Überraschungen.

Ist es nicht so, dass wir bei Mozart zuweilen glücklich verloren gehen, wenn er uns in den Finali seiner Opern schwindlig zaubert? Und drohen wir in Haydns Streichquartetten nicht den Überblick zu verlieren, wenn die vier Stimmen miteinander um die Wette kommunizieren? Und stürzt uns Beethovens Musik nicht in Abgründe, um uns dann wieder himmelwärts zu katapultieren, was beim Hörer eine erhöhte Bewältigungskompetenz erfordert?

In der Barockmusik, so glauben wir, gibt es solche Irritationen nicht. Barockmusik ist Befestigung. Vergewisserung. Barock ist, wenn die Eurovisions-Fanfare von Marc-Antoine Charpentier erklingt und wir jeden Ton mitsingen können. Barock bedeutet: Einklang von Musik und Hörer auf Augen- und Ohrenhöhe. Alles bleibt bei sich und treulich geordnet, denn es ist das Zeitalter des Generalbasses. Das heißt, der Sockel des Klangs bildet zugleich sein harmonisches Gerüst, auf ihm ruht das Geschehen, er hält alles zusammen – und zwar fortlaufend. Daher kommt das Wort vom „Basso continuo“, den Orgel, Cembalo, Cello, Kontrabass, Fagott gestalten – lauter Tieftöner im Dienste des Großen, Ganzen und Höheren.

Johann Sebastian Bach hat die Barockmusik vollendet, bei ihm vertieft sich alles bis ins Letzte, aber man sollte die Rechnung nicht ohne Händel machen. Kein Bach-Chorsatz hat solche Berühmtheit erlangt wie das „Hallelujah“ aus dem „Messiah“. Da scheinen, wenn die Trompeten über den Chor hinwegstrahlen, sämtliche Putten aus sämtlichen Barockkirchen mitzublasen. Dieses Stück ist ein Hit, über das sich nicht grundlos Quincy Jones für seine genialische Soul-­Adaption „Handel’s Messiah – A Soulful Celebration“ hermachte.

Jetzt gibt es eine neue „Messiah“-Aufnahme, die den Hörer sprachlos macht, sie kommt aus Prag und ist dem Ensemble 1704 unter Vacláv Luks zu danken. Das hat bereits eine hinreißende Neuaufnahme von Bachs h-Moll-Messe vorgelegt, und schon damals begriff man das Prager Prinzip: Es ist, um es salopp zu sagen, dem Schinken näher als dem Knäckebrot. Es gab ja mal eine Zeit, da lehrten uns die Fexe der historischen Aufführungspraxis, dass am besten so wenig Leute wie möglich auf einer Bühne stehen und die Instrumente wie gedroschen Stroh klingen sollten. Die Prager machen Musik, und zwar handfest, lebensnah und trotzdem virtuos. Und zwar in historischer Manier. Schöner kann man den „Messiah“ nicht bekommen.

Jedenfalls hat der Geist des musikalischen Frühbarock von 1600 an alle erfasst, die Italiener zuerst (Monteverdi) , dann die Franzosen (Lully, Couperin, Rameau). Die Deutschen waren irgendwann auf allen Feldern dabei, etwa mit dem norddeutschen Orgelbarock. Tolle Ausbeute insgesamt: Es gab jetzt Opern, es gab Kantaten, es gab Arien, es gab Passionen. Und die Instrumente begannen miteinander zu konzertieren, gern im Großformat (wie beim Concerto grosso von Corelli), aber auch in der kleinen Sonate. Barocke Pracht und Herrlichkeit kann auch im Duett erzeugt werden.

Bei Händel ist man immer gut aufgehoben. Nie stand er in Bachs Schatten, auf ihn fiel genug Licht; England bewunderte ihn hingebungsvoll. Bach war allerdings ein paar Hausnummern genialer. Bach konnte alles, das Riesige und das Filigrane, das Erhitzte und das Entspannte – und es gab kaum ein Instrument, das er nicht beherrschte. Aber die Geige und die Tasteninstrumente hat er selbst gespielt, und wohin das führte, erlebt man wunderbar bei den sechs Sonaten für Violine und Cembalo. Da ist alles vereint: das Geordnete und Vorhersehbare, das wir am Barock so lieben, die Lebenslust, aber auch die Sphäre des Unergründlichen. Jetzt gibt es eine schöne Neuaufnahme von vier Sonaten mit dem Geiger Renaud Capuçon und dem Pianisten David Fray, die dem Originalklang-Fetischismus eine Frage entgegenwarfen: Hätte Bach auch den Steinway geliebt? Das klingende Ergebnis: Ja, hätte er – und wie!

Bach auf dem Cembalo klingt, als sitze man in seinem Komponierzimmer und schaue ihm zu, wie er das Werk zum ersten Mal spielt – so wie jetzt in der umwerfenden Aufnahme der Englischen Suiten durch Masaaki Suzuki. Dessen Cembalo strahlt die Frische eines Kühlschranks ab, den man im Hochsommer nach Kaltgetränken absucht.

Hörpsychologisch ist neben dem Klang das Tempo ein wichtiger Faktor. Hat ein Satz es einmal gefunden, bleibt es konstant. Auch das stiftet Ordnung. Bach nutzt diese angebliche Restriktion allerdings, um innerhalb des Planquadrats für Freiheiten zu sorgen. Das Paradebeispiel sind die „Goldberg-Variationen“. Von Satz zu Satz stellt er eine jeweils neue atmosphärische Situation her. Das Thema ist gesanglich, die erste Variation ein Gleichgewichts-Akt, die zweite ein Zirkelspiel. Das klingt auf Klavier oder Cembalo ebenso gut wie auf anderen Instrumenten. Das Streichtrio um den Geiger Frank Peter Zimmermann hat nun das Werk jetzt den Tasten entfremdet und in ein neues Klanggewand gehüllt. Das ist ebenfalls nicht pastos, nicht wonnetrunken. Vielmehr hilft es uns, ins Innere der Musik einzudringen.

Das Phänomenale dieser Musik ist, dass Bach gleichzeitig in Linien und in Säulen denkt. Die Linien sind die Stimmen, die Säulen sind die Akkorde. Die Stimmen behandelt Bach demokratisch, er will jede Stimme im horizontalen Geflecht teilhaben lassen. Anderseits ergeben diese gleichzeitig erklingenden Stimmen in der Vertikalen des 90-Grad-Winkels immer neue akkordische Summen.

Die „Goldberg-Variationen“ erinnern uns an französische Barockgärten, deren strenge Anlage Bach, der geometrische Freidenker, mit anarchischen Blumenrabatten revolutioniert hat.

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