Peking: Warum Peking Ai Weiwei verschwinden ließ

Peking : Warum Peking Ai Weiwei verschwinden ließ

Es hätte vielleicht alles anders kommen können. Kein Entsetzen über Chinas Verfolgung des Künstlers Ai Weiwei. Kein Kulturstreit in Deutschland über die verunglückte Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" im Nationalmuseum von Peking. Alles wäre anders gekommen, wenn Ai Weiwei kein sich nur der Wahrheit seiner Konzeptkunst verpflichtet fühlender Dickschädel gewesen wäre.

Wie jetzt enthüllt wurde, hatte die chinesische Führung dem am 3. April am Flughafen Peking von ihr ohne Haftbefehl verschleppten und seither in Polizeigewahrsam verschwundenen Künstler kurz zuvor noch angeboten, sich mit ihr zu arrangieren. Sie soll ihm einen Sitz als Mitglied in der "Konsultativkonferenz" in Aussicht gestellt haben. Dies berichtet Hongkongs "South China Morning Post" unter Berufung auf Mitarbeiter von Ai Weiwei.

Peking wolle den Künstler in das offizielle Beraterparlament des Landes aufnehmen. Dem machtlosen Rat gehören rund 2000 Delegierte an, darunter Mitglieder der acht kleinen chinesischen Blockparteien und parteilose Künstler, Intellektuelle, Akademiker oder Wissenschaftler. Nach den Angaben von Ai Weiweis Mitarbeitern sagte der 53-Jährige nicht, was er auf die überraschende Offerte antwortete. Es war offenbar ein Test. Ai Weiweis Freunde glauben, dass weder Drohungen noch Lockangebote ihn von seiner kompromisslosen Haltung als politisch engagierter Künstler abbringen würden.

Zehn Tage nach seiner Verschleppung gibt es nun keinerlei Auskunft, unter welcher Anklage er steht, welche Behörde zuständig ist und wo er festgehalten wird. Die einzige Antwort gab indirekt die Nachrichtenagentur "Xinhua". Sie meldete mit nur einem Satz, dass gegen Ai Weiwei "wegen Verdachts auf Wirtschaftsverbrechen ermittelt wird". Ein Sprecher des Pekinger Außenministeriums verweigert weiterhin jede konkrete Auskunft. Stattdessen wurde nun neun Tage nach seinem Verschwinden Ai Weiweis Frau Lu Qing vom örtlichen Steueramt vorgeladen. Die Polizei nahm zudem den Fahrer des Künstlers, einen Atelier-Teilhaber und eine Buchhalterin in Gewahrsam. Offenbar versuchen die Behörden, Ai Weiwei Steuerbetrug anzulasten.

Ai Weiweis Verschwinden hat zu einer einzigartigen Solidarisierung unter Kunstmuseen von der Londoner Tate Modern bis zur Guggenheim-Stiftung geführt. Ihre Online-Petitionen haben Direktoren der namhaftesten Museen unterschrieben. Das bringt die deutschen Direktoren der Staatlichen Museen Berlin, Dresden und München in Zugzwang, die ihre Pekinger Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" verteidigen. Zwar hat die als größtes deutsches Kulturereignis im Ausland "mit einer politisch-aufklärerischen Agenda" im Vorfeld pompös gefeierte Ausstellung mit der Verschleppung Ai Weiweis nicht direkt zu tun. Aber seine Verfolgung macht die deutsche Ausstellung zur Aufklärung zum Flop. Ihren Zweck, ein Angebot zum Dialog mit China zu werden, kann sie in solcher Lage nämlich nicht mehr erfüllen.

Trotz der Festnahme läuft ein Berufungsverfahren an der Berliner Universität der Künste weiter: Ai Weiwei ist dort im Gespräch für eine Professur.

(RP)
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