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Warum keiner diese drei Filme verpassen sollte: "Lamb", "Macbeth" und "Wanda, mein Wunder"

Unsere Kulturtipps fürs Wochenende : Ganz im Bann der großen Leinwand

Diese drei Filme lassen einen lange nicht in Ruhe. Darum bitte unbedingt anschauen: „Lamb“, „The Tragedy of Macbeth“ und auch „Wanda, mein Wunder“.

Kenne Sie auch dieses Phänomen: Erst ist man längere Zeit gar nicht mehr ins Kino gegangen, bis man sich irgendwann doch wieder einen Film anschaut, und dann gleich noch einen und noch einen.  Als würde man dem Zauber der großen Leinwand und des dunklen Saals  nahezu wehrlos erliegen. Sicher, in Corona-Zeiten gibt es Sorgen und Vorbehalte gegenüber größeren Menschenansammlungen; doch die letzten Filmvorführungen waren (zumindest nach meiner Erfahrung) so überschaubar besucht, dass man in großem Sicherheitsabstand, mit Maske in einem ordentlich belüfteten Saal kein allzu fieses Gefühl haben musste.

Und diese drei Filme sind als jüngste Ausbeute wirklich empfehlenswert. Den Auftakt macht „Wanda, mein Wunder“. Das ist ein Film, bei dem man nicht so genau weiß, ob man weinen oder lachen, entsetzt oder fröhlich sein soll. Am Ende ist es wohl von allem etwas. Auch das zeichnet diesen Film aus. Manche Szene in „Wanda, mein Wunder“ sind nicht gut zu ertragen; dennoch: kaum eine Figur wird denunziert, und das ist wichtig. Denn alle „Beteiligten“ an diesem kleinen, großen Gegenwartsdrama haben ihre Sorgen, größere und kleinere, haben unerfüllte Sehnsüchte, kennen zerplatzte Träume.

  • Denzel Washington spielt die Titelrolle.
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  • André Jung als Josef und Agnieszka
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  • Antonio Espinosa, Björn Lenz und José
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Wanda, das ist eine junge Frau aus Polen, alleinerziehend, die immer wieder in die Schweiz reist. Dort pflegt sie den ziemlich reichen Josef in einer feinen Villa am See; außerdem muss sie der nicht weniger feinen Ehefrau Elsa im Haushalt helfen. Mit im Haus lebt Sohn Gregor, der die Firma übernehmen soll, aber viel lieber die Vogelwelt erkundet. Und zum runden Geburtstag des Familienvaters schneit schließlich Töchterchen Sophie mit ihrem beruflich arg beschäftigten Mann herein.

So weit, so (fast) normal für Familien, die Pflegekräfte aus Osteuropa beschäftigen. Doch was Elsa und ihre Kinder nicht ahnen: Der auf Wandas Hilfe angewiesene Josef gibt ihr zusätzlich Geld für nächtliche Intimitäten. Als Wanda schwanger wird, gerät alles ins Wanken, werden Lebenslügen sichtbar, Familienbande brüchig und Bestechungen skrupellos.

 André Jung als Josef und Agnieszka Grochowska als Wand.
André Jung als Josef und Agnieszka Grochowska als Wand. Foto: dpa/Aliocha Merker

Die Regisseurin Bettina Oberli erzählt ihre Geschichte fast unaufgeregt, ist immer dicht bei den Menschen. Ich bin Regisseurin Bettina Oberli einmal in der Eifel begegnet. Alles war verschneit, aber nicht schön, sondern nass und saukalt. Das war zu den Dreharbeiten von „Tannöd“ – der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Andrea Maria Schenkel. Und mittendrin in all dem Crew-Gewusel stapfte eine kleine Frau mit schweren Stiefeln durch den Matsch, als sei nichts alltäglicher als das: Bettina Oberli.

Das ist zwar etliche Jahre her – genau genommen zwölf, doch als sie jetzt bei der NRW-Premiere ihres neuen Film (der eigentlich schon zwei Jahre alt ist und Virus-bedingt erst jetzt in die Kinos kommen konnte) auftrat, war sie praktisch unverändert. Nur ohne Stiefel, aber ebenso zurückhaltend aufmerksam und gelassen entschlossen.

Also unbedingt anschauen: „Wanda, mein Wunder“ – unter anderem mit Agnieszka Grochowska, Birgit Minichmayr, André Jung.

In seinen ernsten Momenten ist „Wanda, mein Wunder“ verstörend. Das wiederum ist der Film „Lamb“ nahezu durchgängig. Der spielt irgendwo in Island, und offenbar genau dort, wo Island am einsamsten ist. An diesem verlassenen Fleckchen Erde züchtet das junge, kinderlose Paar Maria und Ingvar Schafe. Der Alltag ist nicht gerade leicht, aber die beiden scheinen es ganz gut hinzukriegen. Bis ein ganz ungewöhnliches Lamm geboren wird, das die beiden Ada nennen und wir ihr eigenes Kind aufziehen. Verstörend ist das auch für Ingvars Bruder, der irgendwann aufkreuzt. Ein Musiker, hochverschuldet, nicht sehr zuverlässig und eine permanente, unterschwellige Bedrohung fürs kleine Familienglück.

Eine tiefe Melancholie liegt über diesem Film, Nebelschwaden machen alles noch unheimlicher, Vergangenheiten und alte Legenden erwachen zum Leben. Morde geschehen, unergründlich das meiste. Ein unglaublicher Film, der einen mit seinen vielen, auch christlichen Anspielungen, noch lange nachhängt. Das hat auch zu tun mit den drei tollen Schauspielern: mit Hilmir Snær Guðnason als Ingvar und Björn Hlynur Haraldsson als Pétur. Ein Erlebnis  aber ist Noomi Rapace in der Rolle der Maria. Wer je echte Verzweiflung, Trauer, Wut, Schmerz und schreiende Ratlosigkeit in einem Gesicht lesen will, sollte allein deswegen diesen Film besuchen. Auch „Lamb“ ist absolut sehenswert.

Die Coen-Brüder sind immer für eine Überraschung gut. Diesmal ist es an Joel Coen, der (ausnahmsweise ohne seinen Bruder Ethan Coen) sich Shakespeares „The Tragedy of Macbeth“ angenommen hat. Mit viel Nebel, viel Unheimlichkeit; und bis auf die Kostüme wird in einer abstrakten, stilisierten, Theater-ähnlichen Kulisse gespielt. Alles in schwarz-weiß. Gedreht wurde der Film in einem Studio in Los Angeles bereits 2020, doch mussten auch diese Arbeiten wegen Corona unterbrochen werden. Was für ein Stoff, was für eine Sprache und was für ein Drama um Macht, um Gier, um Geld, um Mord und Totschlag!

 Denzel Washington als Macbeth.
Denzel Washington als Macbeth. Foto: AP/Alison Rosa

Alles nicht neu, doch alles noch sehr aktuell. Und einmal mehr sind es die Schauspieler, die die uralte Geschichte so neu machen: Frances McDormand (sie ist die Ehefrau von Joel Coen) spielt Lady Macbeth, als sei sie nie etwas anderes gewesen, und der grandiose Denzel Washington, der tief in die Melancholie des Macbeth hineintaucht.

Das alles ist keine ganz leichte Kost, aber hohe Kunst. Große Fragen werden an unser Leben und unsere Welt gestellt. Und wer das Kino noch etwas betäubt von all den Ungeheuerlichkeiten verlässt, mag sich vielleicht wundern, warum draußen keine Nebelschwaden unsere Sicht und unsere Sinne trüben. Selbst die Menschenschlange auf der Straße ist keine Täuschung. Vor dem Kino? Nicht doch. Das Interesse gilt dem China-Restaurant nebenan.