Warum Jan Hofer das Wesen der "Tagesschau" verkörpert.

„Tagesschau“-Zwischenfall: Sendepause für den Verlässlichen

Nach seinem kurzen Schwächeanfall in der „Tagesschau“ soll sich Sprecher Jan Hofer erst einmal auskurieren. Viele Zuschauer fragten besorgt beim Sender nach. Der 69-Jährige habe ein Medikament nicht vertragen, heißt es.

Dieser Schwächeanfall hat die halbe Nation erschüttert. Als Jan Hofer sich jetzt in der Tagesschau ein paar – für ihn völlig ungewöhnliche – Versprecher leistet, wird in den sozialen Netzwerken zur Befindlichkeit spekuliert. Und als er sich in der Abmoderation der Nachrichtensendung gar auf den Studiotisch stützen muss und danach für ein paar Sekunden der Bildschirm schwarz wird, gehen beim Sender besorgte Nachfragen ein. Tags darauf dann die offizielle Entwarnung: Nur ein Medikament habe der 69-Jährige nicht vertragen, das er wegen einer verschleppten Grippe hatte einnehmen müssen.

Was bleibt, ist die Erleichterung, aber auch die Verwunderung darüber, welche Aufmerksamkeit dem Wohlergehen des Nachrichtensprechers beigemessen wird. Zwar haben Zwischenfälle in Live-Sendungen stets ein höheres Betroffenheits- und Erregungspotenzial. Dennoch ist die „Tagesschau“ ein Sonderfall, dieses Fossil aus den betulichen Anfängen des bundesdeutschen Fernsehens, das erstmals im Dezember 1952 ausgestrahlt wurde und mit gut vier Millionen Zuschauern noch immer zu den beliebtesten Sendungen in der TV-Welt zählt. Für viele Menschen ist die „Tagesschau“ also immer schon dagewesen. Und immer pünktlich um 20 Uhr. Das hat – damals freilich stärker als in heutigen „Mediathek-Zeiten“ – das Familienleben geordnet: Ein Treffen am medialen Lagerfeuer nach dem Abendbrot.

Mit der „Tagesschau“ kam die Welt ins Wohnzimmer und wurde nicht mehr in sogenannten Wochenschauen im Kino bestaunt. Die „Tagesschau“ war und ist selten spektakulär, sehr sachlich, manchmal gediegen bis dezent langweilig. Und das sind in ihrem Auftreten auch die meisten Sprecher und Sprecherinnen bisher gewesen: Karl-Heinz-Köpcke etwa, Dagmar Berghoff und schon seit 1985 Jan Hofer. Alles heute noch große Namen. Köpcke trägt gar den Ehrentitel „Mister Tagesschau“. In einer Umfrage des Senders damals hielten ihn viele gar für den Regierungssprecher.

Jan Hofers Markenzeichen: unbedingte Verlässlichkeit, angenehme Berechenbarkeit, beruhigende Kontinuität. Kurzum, man glaubt Jan Hofer, was er mit sonorer Stimme vorliest. So unruhig und beunruhigend es in der Welt auch zugehen mag, Jan Hofer vermeldet es oft so, dass es nur wenig Anlass zu echter Sorge zu geben scheint.

Die Aufregung und die Anteilnahme an Jan Hofer ist ohne die Bedeutung der „Tagesschau“ nicht zu verstehen – auch nicht zu würdigen. Störungen, wie jetzt ein Schwächeanfall, den Hofer schon vor drei Jahren wegen einer Virus-Erkrankung bei den „Tagesthemen“ heimsuchte, gehören nicht zum Programm.

Jetzt soll sich Hofer – wie es heißt – erst einmal auskurieren. Ein bisschen Sendepause sozusagen, um neue Kraft zu schöpfen. Denn der Chefsprecher wird gebraucht. Für die Nachrichten aus aller Welt und die beruhigenden Rituale des Familienlebens zwischen Abendbrot und Hauptprogramm.

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