Ein Feiertag im spannenden Wandel Warum Fronleichnam ein Fest der Zukunft ist

Meinung | Düsseldorf · Früher schieden sich an dem Fest die christlichen Geister. In Zeiten tiefer Glaubenskrise aber wäre Fronleichnam ein guter Tag, sich ökumenisch auf den Weg zu machen.

  Teilnehmer tragen bei einem Gottesdienst zu Fronleichnam auf dem Platz vor dem Kölner Dom Fahnen. (Archiv)

Teilnehmer tragen bei einem Gottesdienst zu Fronleichnam auf dem Platz vor dem Kölner Dom Fahnen. (Archiv)

Foto: dpa/Henning Kaiser

Streng genommen ist Fronleichnam eine Erfindung der Kirche. Für den Umzug mit Monstranz gibt es keinerlei biblische Vorerzählungen. Zu Weihnachten feiern wir Christi Geburt, zu Ostern seine Auferstehung vom gekreuzigten Toten und zu Pfingsten die Sendung des Heiligen Geistes. Alles bezeugt und hinterlegt in den Evangelien und Apostelgeschichten. Aber Fronleichnam? Das ist ein sogenanntes Ideenfest. Mit ihm wird eine Glaubenswahrheit verkündet, jedoch kein biblisches Geschehen dargestellt. Auch so lässt sich erklären, dass Fronleichnam erst ab Mitte des 13. Jahrhunderts eingeführt und praktiziert wurde, zu einer Zeit, als die katholische Kirche als machtvolle Institution immer konkreter Gestalt annahm. Fronleichnam war eine ihrer Grundlagen und somit unstrittig – aber nur bis zur Reformation. Für Martin Luther war Fronleichnam sogar das „allerschädlichste Fest“.

Im Streit um den wahren Glauben ist eine solche Herabsetzung eine willkommene Vorlage, das Fest noch stärker zu betonen und auch mit Prozessionen öffentlich zur Schau zu stellen. In religiös erstarrten Zeiten unterschieden sich im wahrsten Sinne des Wortes die Geister: Während die einen, die Katholiken, mit einer geweihten Hostie in einer Monstranz durch die Straßen zogen, demonstrierten Protestanten ihre Ablehnung dieser Glaubenspraxis und wuschen an diesem Tag kaum weniger sichtbar die Wäsche. Lang ist`s her.

Worum es dabei ging? In der Hostie wird nach katholischem Verständnis die Wandlung des Abendmahlbrotes in den „Leib des Herrn“ (genau das bedeutet das mittelhochdeutsche Wort vronlichnam) sichtbar, erfahrbar. Diese Überhöhung der Hostie aber lässt sich nach evangelischem Verständnis biblisch nicht begründen und wurde deshalb auch abgelehnt.

Das hat sich bis heute in seinem Kern zwar nicht geändert. Allerdings sind die Prozessionen weniger geworden, auch werden sie nicht mehr als Triumphzug des wahren Glaubens dargestellt. Und auf evangelischer Seite regt sich kein Protest mehr, stattdessen mancherorts aber ökumenische Teilnahme.

Das Fronleichnamsfest 2024 wird also weniger vor dem Hintergrund der Glaubensspaltung gefeiert, sondern in Zeiten einer umfassenden wie anhaltenden Glaubenskrise. Hunderttausende kehren hierzulande beiden christlichen Kirchen jedes Jahr den Rücken. Die Gründe sind vielfältig und werden sich selbst durch Reformen so schnell nicht aus der Welt schaffen lassen.

Doch gibt es zumindest die Chance, sich seines Glaubens zu vergewissern, sich auf den Weg zu machen, dabei auch gelegentlich den Kirchenraum zu verlassen und der profanen Welt auch andere Seiten des Glaubens vor Augen zu halten. Nicht getrennt und abgrenzend, sondern gemeinsam in christlich-ökumenischer Verbundenheit. Welcher Tag eignet sich dafür besser als Fronleichnam? Es ist ein Fest der Selbstvergewisserung und der Hoffnung, das man, wenn es nicht schon existiere, glatt erfinden müsse.

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