1. Kultur

Warum das Leben in der Warteschlange glücklich macht

Versorungslage in Zeiten der Pandemie : Das glückliche Leben in der Warteschlange

Beim Lebensmittel-Lieferdienst standen wir einst auf Warteplatz Achttausend-Irgendwas. Nach etlichen Wochen sind wir weiter nach vorne gerückt – und werden seither mit lauter Wartespaß-Geschenken bei Laune gehalten.

Ganz frei nach Camus: Eigentlich müsste ich mich als einen glücklichen Menschen vorstellen können. Und das mitten in der Pandemie und permanent drohenden Lockdown-Zeiten. Wie kommt’s? Einem Lebensmittell-Lieferservice sei gedankt, bei dem ich mich in Quarantänezeiten angemeldet hatte und so die „Grundversorgung“ zu sichern gedachte. Ging alles ganz leicht mit der Anmeldung, und die Antwort kam prompt, die wahrscheinlich selbst Robinson Crusoe in seiner Südseeinselquarantäne umgehauen hätte. Ich landete also auf einen deprimierenden Warteplatz (da inzwischen alle Kundenplätze belegt und die Kapazität des Unternehmens an seine Grenzen angekommen sei). Meine Warteplatznummer lag im vierstelligen Bereich, und vorne stand eine 8. Aber, kein Grund zur Verzweiflung, da alsbald die beruhigende Nachricht folgte, die man früher Trostpflaster nannte und die jetzt „Wartespaß-Geschenk“ heißt. Sicher, man muss sich ein wenig ans psychologisch geschulte „Wording“ gewöhnen – aber dann geht’s. Zumal meine Wartespaß-Geschenke zunahmen, die für mich im Falle einer irgendwann möglichen ersten Bestellung bereitstehen werden. Es begann mit Bananen, dann folgten (längst war inzwischen die Zeit der Quarantäne Vergangenheit) eine Prinzenrolle, ein Liter Bio-Milch, eine Flasche Fruchtsaft und ein Brot. Das jüngste Präsent ist eine Salatgurke, die inzwischen zu meiner vollständigen Beruhigung ein Stück weit echt nett angekündigt wird: „Wir sind glücklich, dass du so geduldig mit uns bist und haben deshalb als Wiedergutmachung für die Wartezeit wieder ein kleines Geschenk für dich ….“ Jawohl, ich bin glücklich wie seinerzeit der alte Sisyphos, sammle Lebensmittel zuhauf und sehe voller Sorge schon auf meinen Warteplatz, der zwar noch vierstellig ist, aber mittlerweile nur noch eine 4 ganz vorne stehen hat.