Warten auf den algerischen Frühling

Warten auf den algerischen Frühling

Interview Der Autor und Dissident Boualem Sansal ist der wichtigste Schriftsteller Algeriens. Trotz der Ächtung durch die Machthaber bleibt er im Land und setzt sich für die Demokratie ein. Am Sonntag bekommt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Interview Der Autor und Dissident Boualem Sansal ist der wichtigste Schriftsteller Algeriens. Trotz der Ächtung durch die Machthaber bleibt er im Land und setzt sich für die Demokratie ein. Am Sonntag bekommt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Soziale Ächtung und Morddrohungen gehören zu seinem Alltag: der 1949 geborene Boualem Sansal, der bedeutendste Schriftsteller und Dissident Algeriens. Sansal, der 2003 seinen Posten als hoher Regierungsbeamter verlor und dessen Romane in seiner Heimat verboten sind, wird am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche mit dem mit 25 000 Euro dotierten Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt.

Warum gibt es in Ihrem Land keinen algerischen Frühling, keine breite Demokratiebewegung wie derzeit in vielen anderen Ländern der Region?

Sansal Die Algerier haben ihren "Frühling" schon im Oktober 1988 versucht. Aber sie haben es nicht geschafft, ihn in eine wahre Demokratisierung zu verwandeln. Die Repression war damals extrem stark – es gab tausende von Toten, tausende von Verschwundenen. Aber vor allem die jungen Rebellen haben es geschafft, dass die Machthaber am Ende doch eine Reihe von Reformen akzeptieren mussten. Eine neue Verfassung mit einem Mehrparteien-System wurde erlassen; es gab Meinungsfreiheit und ökonomische Freiheit. In außerordentlicher Euphorie wurden über 100 Parteien gegründet; private Investitionen sind explodiert. Wir waren damals sehr naiv, weil wir wirklich glaubten, die Machthaber seien aufrichtig. Aber nach diesem Frühling erleben wir Algerier jetzt schon einen Winter von 23 Jahren.

Von wem könnte in Ihrem Land die Kraft zu einer auch politischen Veränderung ausgehen?

Sansal Diese Frage stellen wir uns jeden Tag, zumal das Zusammengehörigkeitsgefühl von den Machthabern zerstört wurde: Sie spielen die einen gegen die anderen aus, die Region gegen den Nationalstaat und einzelne Stämme gegeneinander. Es gibt kein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl. Und ich sehe keine Persönlichkeit, die die Algerier hinter sich versammeln könnte. Das Misstrauen ist allgegenwärtig. Der augenblickliche Machtkampf der Geheimdienste in unserem Land – die die wahren Herren sind – könnte zu einer Explosion der Unzufriedenheit führen. Denn die Algerier scheinen sich zumindest in der Ablehnung der geplanten dynastischen Abfolge sowie der Geheimdienste einig zu sein.

Fürchten die Machthaber Ihres Landes auch Autoren und Intellektuelle?

Sansal Die Machthaber in Algerien fürchten all jene, die in den Augen der jungen Algerier als emblematische Persönlichkeiten erscheinen und die Unzufriedenheit kristallisieren könnten. Das können Autoren sein, aber auch Musiker, Sportler, Menschenrechtler. Wenn die Machthaber solche Persönlichkeiten identifiziert haben, versuchen sie, diese zu korrumpieren, zu isolieren oder zu diskreditieren – auf jeden Fall, sie von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Welchen Einfluss haben Autoren?

Sansal Der Einfluss ist sehr schwach. Fast alle großen algerischen Schriftsteller leben im Ausland, vor allem in Frankreich. Mir scheint, als wollten sie auch gar keine politische Rolle spielen. Zumal der politische Einfluss auf die Medien unseres Landes dazu führt, dass das, was die Autoren in Frankreich sagen, in Algerien nicht gehört werden kann.

Wie werden Bücher wie Ihr Roman "Das Dorf des Deutschen" aufgenommen, in dem Sie über die Beteiligung von Nationalsozialisten im algerischen Unabhängigkeitskrieg schreiben?

Sansal ,Das Dorf des Deutschen' hat eine unglaubliche Polemik ausgelöst. Ich wurde sehr stark und fast einhellig kritisiert. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit die Kritik vom Regime bestellt worden ist. Da gibt es wahre Orchesterchefs, die solche Kakophonien in der Öffentlichkeit entfesseln. Die Machthaber können es einfach nicht ertragen, dass irgendwelche "Schreiberlinge" dem einfachen Volk Geschichten erzählen, die von der offiziellen Geschichtsschreibung abweichen.

Büßen Sie denn bei Ihren Landsleuten an Glaubwürdigkeit ein, weil Sie erstens Ihre Bücher auf Französisch schreiben und zweitens nicht gläubig sind?

Sansal Überhaupt nicht! Das ist eher die offizielle Darstellung. Das Volk denkt das Gegenteil. Fast alle Algerier haben nur einen Traum: nach Frankreich auszuwandern, auch wenn es dabei um ihr Leben geht. Das Französische ist für sie eine Sprache dieser Flucht. Ähnlich ist es mit dem religiösen Empfinden anderer Menschen, für das sich die Algerier – abgesehen von den Islamisten – wenig interessieren.

Gab es Situationen, in denen Sie bedroht wurden?

Sansal Sehr häufig; aber oft ist diese Angst auch irrational, weil sie nicht immer auf Fakten beruht. Sich arabischen Regimen entgegenzustellen ist immer gefährlich. Das Problem ist, das man nie wissen kann, ob die Bedrohung, die man empfindet, auch reell ist. Was soll man davon halten, wenn man permanent anonyme Drohbriefe bekommt?

Kann denn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Ihnen mehr Schutz verleihen?

Sansal Der Friedenspreis kann natürlich Schutz bieten, er kann aber einen erst recht zum Ziel machen, denn er dient als ein fantastisches Sprachrohr.

Warum leben Sie trotz der vielen Repressalien immer noch in ihrer Heimat Algerien?

Sansal Wenn man sich für die Demokratie einsetzen kann, ist das eine außerordentliche Chance. Und die Chance ist noch größer, wenn man im Land selbst lebt: Man ist glaubwürdiger und wirkungsvoller.

(RP)
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