1. Kultur

War die Revolution in der DDR eine Fernsehrevolution?

War die Revolution in der DDR eine Fernsehrevolution?

Was waren die Ursachen für das Ende der DDR? Keiner kommt umhin, den Konstellationswandel unter Michail Gorbatschow in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre für die DDR zu leugnen. Dieser wollte das eigene System reformieren, beschleunigte aber wider Willen den Untergang des "real-existierenden Sozialismus". Hingen die Ursachen für das Ende der diktatorischen DDR wesentlich mit der Sowjetunion zusammen, so gehen die Ursachen für das Ende der demokratischen DDR (nach der Volkskammerwahl im März 1990) stark auf die Anziehungskraft der Bundesrepublik zurück.

In seinem Buch leugnet Thomas Großmann solche Überlegungen zum Ende der DDR nicht; er beschreitet jedoch einen anderen Weg. Seine Kernthese: (West-)Medien hätten das diktatorische Staatswesen im Herbst 1989 massiv destabilisiert und so dessen Ende beschleunigt. Es ist sein Verdienst, zahlreiche Belege für die nachhaltige Rolle des Fernsehens während der Vorgeschichte der friedlichen Revolution geliefert zu haben. Das Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland hat die Unzufriedenheit in der DDR weiter verstärkt, aber keinesfalls hervorgerufen: Die SED konnte zu keiner Zeit die Bevölkerung mehrheitlich auf ihre Seite bringen.

Großmann ist die Interaktion zwischen dem Handeln der Systemträger, dem der protestierenden Bürger und der Rolle der Medien insgesamt gelungen. Er reizt seine Argumentation allerdings keineswegs aus. Mit dem Ende der SED-Diktatur ist auch sein Buch zu Ende. Dabei wäre es sinnvoll gewesen, das Ende der demokratischen DDR vor dem Hintergrund des Einflusses westlicher Medien zu analysieren. Hier ließe sich wohl zeigen, dass deren Rolle vielleicht noch wirkungsmächtiger war. Großmanns Thema lässt sich auf jüngste Geschehnisse übertragen. So entfalteten im grenzüberschreitenden "Arabischen Frühling" 2011 soziale Medien beim - vorübergehenden - Sturz autokratischer Systeme beträchtliche Tragweite. Die mobilisierende Kraft des Internets dürfte bei künftigen Großereignissen ein größeres Gewicht erlangen.

(RP)