Düsseldorf: Walsers neuer Briefroman

Düsseldorf: Walsers neuer Briefroman

Wer den Walser-Sound schätzt, wird auch diesen Roman schätzen, der ein klassisches Walser-Buch ist wie kaum ein anderes. Und wenn ein Großteil des Buches aus den Briefen zwischen zwei vielleicht Verliebten, auf jeden Fall Entzückten schöpft, so ist es doch stets Walschersche Sprachmacht, die hinter den Sätzen hervorscheint – und oft eben auch hervorfunkelt.

Ganz so weit von der männlichen Hauptfigur ist der 85-jährige Autor ohnehin nicht entfernt: Denn die ist ebenfalls Schriftsteller im fortgeschrittenen Alter, heißt Basil Schlupp und durfte zuletzt auffallen mit seinem Roman "Strandhafer". Dann passiert es bei einem Empfang in Schloss Bellevue: Schlupp verguckt sich in Maja Schneilin, die ist Theologin und verheiratet mit jenem erfolgreichen Molekular-Biologen, dem dieser Abend gilt. Schlupp trinkt sich ein bisschen Mut an, doch es hilft nichts: Aufmerksamkeit kann er trotz einiger Pointen ("das Leben ist zu kurz, um deutschen Wein zu trinken") nicht erregen. Also muss das Wort ihm dienlich sein, und so entspannt sich bald ein reger, in weiten Teilen furioser Briefwechsel zweier Menschen, die sich in der Schrift kennenlernen, die sich über den größten Theologen des 20\. Jahrhunderts, Karl Barth, verständigen können und sich so Zeile für Zeile, später dann auch von E-Mail zu E-Mail näherkommen.

Diese Bewegung tritt schon in den Anreden und Verabschiedungen zutage: Schlupp beginnt mit "Theologin" und "Professorin", nennt sie später "Maestra". Und seine Briefe zeichnet er zunächst mit "Belletrist", wechselt zu "Ihr heute Ausgelieferter" sowie "Ihr Anempfinder" bis zu "Dein Dir ganz und gar Gehörender". Germanisten werden später wahrscheinlich allein daran den Spannungsaufbau dieses Briefromans – der in Struktur und Thema sachte an Walsers "Ein liebender Mann" erinnert – analysieren können.

Ein Buch über die Liebe? Sicher. Aber auch eins über die Liebe des Denkens und die Erotik der Sprache: "Es muss erlaubt sein, Dich zu vermissen", schreibt Schlupp. Typisch Walser und nach wie vor kraftvoll, nach wie vor alles riskierend auf seiner unermüdlichen wie auch unerschrockenen Erforschung der Wahrhaftigkeit. Ein Roman, der vor Kraft strotzt, dem aber aufgrund des Intellekts beider Briefeschreiber immer auch etwas Konstruiertes anhaftet. Walser erzählt eine flammende Versuchsanordnung, weniger eine Geschichte. Und so wirkt auch das Ende, das erst von Distanz und schließlich von Auflösung bestimmt wird, ein wenig fremd.

Man muss das mögen. Aber wer es mag und in die Walser-, Barth- und Liebeswelt lustvoll eintaucht, wird seine helle Freunde an diesem Buch haben.

Info Martin Walser: "Das dreizehnte Kapitel". Rowohlt, 272 Seiten, 19,95 Euro

(RP)
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