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Düsseldorf: Walsers neue Aphorismen: grandios

Düsseldorf : Walsers neue Aphorismen: grandios

"Meßmers Momente" heißt das neue Buch des 85-jährigen Autors, das am Freitag in den Buchhandel kommt. Darin funkelt es vor lauter Weisheiten.

Manche halten Martin Walser ja für den besseren Essayisten als den Romancier. Und wahrscheinlich haben sie recht damit. Aber auch der Essayist wird noch übertroffen – vom Aphoristiker Martin Walser, vom Denker, der, im Selbstgespräch verfangen, sich und die Welt in wenige Worte zu erklären sucht. Nach "Meßmers Gedanken" von 1985 und "Meßmers Reisen" aus dem Jahr 2003 werden am kommenden Freitag "Meßmers Momente" erscheinen. Ein funkelndes Werk voller – darf man's in aufgeklärter Zeit sagen? – Weisheiten.

Der Aphorismus lebt von der Spannung, dass auf denkbar kleinstem Raum das Große und manchmal Undenkbare zur Sprache kommt und Worte findet. Das gelingt Walser meisterhaft. "Jeder weiß, wie alt du bist. Nur du nicht", heißt es. Oder: "Rühr dich nicht, die Fesseln schneiden." Wie viel gedanklichen Raum ein paar Wörter in Anspruch nehmen, zeigt der letzte Aphorismus. Es ist der kürzeste, der eine Seite in Anspruch nimmt: "Das Leben lacht. Mich aus."

Seit dem ersten Auftritt von Meßmer vor beinahe drei Jahrzehnten ist Martin Walser älter und seine Selbstwahrnehmung düsterer geworden. "Die Tür, die zugeschlagen wird, meint mich." Demütigungen, wohin er schaut, Verluste, Fehler und der "andauernde Attentatsversuch", den er Wirklichkeit nennt. Auf jeder zweiten Seite lockt die Weltabkehr: "Ich bin eine Wohnung, aus der ich ausgezogen bin"; oder: "Die Käfigstäbe lassen zu viel Welt herein"; schließlich: "Aus allen Sinnen strömt Verhängnis."

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Natürlich darf auch die Figur Meßmer nicht mit ihrem Schöpfer, dem Schriftsteller Walser gleichgesetzt werden. Ihre Lebenswelten sind verschieden; ihre Gedankenwelten aber dürften den Gleichklang bevorzugen. Dass Walser dafür den Umweg über den Aphorismus wählt, ist ein Kunstgriff, der den Denkenden ermächtigt. Der 85-Jährige kann nicht nur mit der Freiheit des fortgeschrittenen Alters einiges riskieren; er kann unter Meßmers Deckmäntelchen weit radikaler und schonungsloser schreiben. Wir alle sehen Walser in diesem Versteck; doch wer ihn zur Rechenschaft ziehen möchte, wird zu hören bekommen: Meßmer war's! Diesem Spiel haben wir Sätze zu verdanken, die ungerecht, aber wahr sind: "Für andere etwas tun: diese Kraft ist schwächer geworden. Böse sein, und es wissen." Und wie lässt es sich trefflicher formulieren, wenn der Tod und der Todesgedanke mehr und mehr zum Nachbarn wird? "Mein Tod spricht Dialekt mit mir."

In seiner radikalen Kurzform wirkt der Aphorismus bisweilen wie der Vorhof zum Schweigen. Das ist auch das heimliche Motiv des Buches, ein sehr dünner, aber unzerreißbarer roter Faden. Sein Selbstgespräch sei ein Schweigen, sagt Meßmer. Und wie schweigsam müsse man werden, fragt er etliche Seiten später, um mit sich selbst einverstanden zu sein? Da wird das Schweigen zum letzten und zum großen Ziel – mit der "Unwiderlegbarkeit des Schweigenden". Meßmers Momente sind große Momente eines literarischen Schaffens.

Info Ab Freitag im Handel: "Meßmers Momente". Rowohlt, 112 S., 14,95 Euro

(RP)